Donnerstag, 15. November 2018

Narben




In der Mitte meines Lebens
schaue ich an mir herab und kann sie siehen
Die Narben, die Unsichtbaren
und meine Sinne streichen über sie, ich kann sie noch fühlen.
Sie machen mich zu dem Menschen, der ich heute bin.

Die kleine Narbe dort, so unscheinbar und klein...
Wie kann so etwas Kleines, mit der Zeit, so große Auswirkungen haben?
Ein Indianer kennt keinen Schmerz- du musst stark sein
Zeig ihnen nicht das traurig bist, zeig ihnen nicht deine Schwäche
Lass alles an dir abprallen, sei entschlossen.

Oder die hier? Die mir immer wieder sagt
das ich dazu verdammt bin die Fehler meiner Vorfahren zu wiederholen?
Meinen Genen kann ich nicht entkommen, es ist unausweichlich
Denn ich wurde so geboren.

Diese große Wulst auf meiner Seele, häßlich und schön zugleich
erinnert mich an meine beste Zeit, meine schlimmste Zeit.
Als ich so wenig wusste und mir Wissen mit Schmerz erkaufte.
Als ich nichts wollte als Lieben und geliebt zu werden, doch war ich nur ein Spielball der Launen und Gelüste meines Gegenübers.
Hoffnungslos verloren in den Wellen der Hormone und Gefühle ertrank ich
Und meine Unschuld starb

So lange ist es her
und doch glaube ich heute noch das es gut und richtig war
Zu ertrinken, behandelt zu werden wie ein Spielzeug
Wie ein Ding
Ohne eigenen Willen, ohne eigene Gefühle
Weil ich es verdiene.
Weil ich, von Natur aus, eine gestörte Sexualität haben muss...
Meine Erbschuld.

Ich verdiene es für all die grausamen Dinge die Meinesgleichen über so lange Zeit über die Welt gebracht hat, weil ich-ein mikroskopisch kleiner Teil eines großen Ganzen- trotzdem noch Teil des Ganzen bin.
Ich verdiene jedes Bisschen emotionale Grausamkeit , Verachtung und süße Herabwürdigung die mir zuteil wird, jede weitere Narbe, deren Summe mein verkrüppeltes Selbst ausmacht.

Und ich habe gelernt all diese Dinge anzunehmen, habe es mir antrainiert zu lächeln, wenn ich eigentlich weinen möchte.
Nicht aufzubegehren, denn
Es gehe mir ja so viel besser als so vielen Anderen!
Ich werde doch jeden Tag bevorzugt und nehme es so selbstverständlich auf das ich es kaum noch wahrnehme.
Ich solle doch mal auf die Anderen schauen, denen es nicht so gut geht wie mir.
Die nicht mit dem gleichen Geburtsrecht diese Welt betraten.
Und ich soll nicht herumheulen.
Und nicht jammern.
Mich zusammenreißen.
Denn ich bin doch privilegiert.

Und ich solle mich doch was schämen!
Das tue ich, jeden Tag
Weil es so Viele gibt die so Scheiße sind, ignorant, dumm und gefühlskalt
Grausam und brutal.
Doch weil wir diese eine kleine Sache gemeinsam haben
Muss ich ebenso scheiße sein, es kann doch gar nicht anders sein!

Wie soll ich lieben... WIRKLICH Lieben, wenn ich mich selbst nicht lieben kann? 
Habe ich doch gelernt mich selbst zu hassen für das was ich bin. 
Und die Gesellschaft diesen Selbsthass nicht nur toleriert, sondern auch fördert? 


Ich bin ein Mann
Ist das nicht toll?
Fuck-a-doodle-dooo

Mittwoch, 8. März 2017

Andi das Arschlochkind

Meine ursprüngliche Intention war es eigentlich, einen sozialkritischen Text mit ironischen, sarkastischen und schwarzhumorigen Untertönen zu schaffen, um ihn dann im letzten Drittel in´s Bitterernste abrutschen zu lassen. Das ist mir während des Schreibens NICHT gelungen, somit ist der vorliegende Text nur noch böse und traurig. Feedback bitte!

Andi, das Arschlochkind

Prolog

Da prangt sie! Die Schlagzeile fett in der Bild
„10 Schüler bei Amoklauf eiskalt gekillt!“
Der Täter war jung, man hat ihn nicht gefasst
denn er hat sich am Schluß selbst ´ne Kugel vepasst!
Fernsehen und Radio stürzen sich drauf
Photos und Interviews gibt es zuhauf.
Jedermann wundert sich, kann´s nicht kapier´n
und fragt sich „Oh Gott-wie kann sowas passier´n?“
So komm´ die Moralapostel angerannt:
„Was läuft denn verkehrt hier in unserem Land?
Denn diese verdammten Killerspiele
spielen wirklich viel zu viele!
Und Heavy Metal- so unser Verdacht
hat ihn zu dieser Tat gebracht!“
So folgt mir jetzt nach-und werdet gewahr
wie traurig Andi´s kurzes Leben war!

Es war einmal vor 17 Jahr´
als Inge erfuhr das sie Schwanger war
und war dabei selbst viel zu jung.
Und ebenso jung war ihr Freund.
Aus geröteten Augen sah er sie an
als er dann von ihr diese Botschaft bekam
fiel ihm grade gar nichts zu sagen ein
so reichte er ihr seinen Joint.

Neun Monate später war Andi dann da
so rosig, so zart und so wunderbar
und aus Teens wurden ratlose Eltern
und obendrein auch noch ein Ehepaar.
Schon ziemlich bald waren sie überfordert
weil ein kleiner Säugling halt Kräfte fordert
so haben die Beiden recht schnell bemerkt
das Andi, verdammt nochmal, nervtötend war.

Er schrie immer dann wenn sie vögeln wollten
so taten sie das was sie NICHT tun sollten
und ließen den Kleinen halt schreien- egal
ob vollgekackt oder bepisst.
Zwar hatten sie Zeit- beide war´n ohne Job
doch kein Interesse und niemals ein Lob.
So hat denn klein Andi schon ziemlich früh
jede Freude und Liebe vermisst.

Mit einem Jahr lernte Andi laufen
und Papi fing an, jeden Abend zu saufen
denn der neue Job wurde scheiße bezahlt
und Prügel gab´s auch gerne mal.
„Halt dein Maul du dumme Fotze
und park das Rotzblag vor der Glotze!“
So hat denn der Andi schon früh gelernt
Gewalt, das ist völlig normal!

Bald später da ging es zum Kinderhort
doch Andi- der schrie nur noch Brand und Mord
weil´s halt in der Kita keine Glotze gab
und die war doch sein bester Freund!
Andi sprach schlecht, war unversöhnlich
verhielt sich wahrlich ungewöhnlich.
Er schlug sich oft und weinte viel,
Daheim hat man wohl viel versäumt.

Dann ging es bald mit der Schule los
und alle Lehrer dachten bloß
„Was ist DAS für ein Arschlochkind?“
und waren schlichtweg entsetzt,
das sein Pausenbrot, wie sie dann später sahen,
nur kalte Big Macs vom Vortag waren!
Doch keiner von ihnen hat jemals geahnt
das Andi gern Tiere verletzt.

Er quälte sie lange und brachte sie um
derweil besprach sich das Kollegium, ob´s
Jugendamt wohl informiert werden solle
denn es häuften sich schon die Beschwerden.
Der Gutachter übersah ganz und gar
das Andi eine gequälte Seele war
und meinte dann, tendenziell optimistisch:
„Ach das mit Andi- das wird schon werden!“

Papi der wollte dann irgendwann geh´n
ließ Andi alleine- da war er grad zehn.
So wurde der Kleine zum Schlüsselkind,
Denn Mama die hatte zwei Jobs.
Youtube vermittelte ihm dann geschickt
mit Schlägen da löst man echt jeden Konflikt,
wer am Ende noch steht, der hat immer recht
so ging seine Moral recht schnell hops!

So gingen sie hin, seine jungen Jahre
während alle Kontrollmechanismen versagen
steckte er schon in der Pubertät
und mitten in der Scheiße.
Eine liebe Freundin hatte er nicht
seiner Letzten trat er zum Schluß in´s Gesicht
denn auf Youporn behandelt man Frauen wie Dreck
und so tat er´s auf gleiche Weise.

Dem schulischen Leistungsdruck hielt er nicht stand
alsbald er sich ohne ´nen Abschluß wiederfand.
Sein ADHS wurde stets ignoriert
Das fand Andi schon ziemlich mies
Nach 2 Ehrenrunden promt rausgeschmissen!
Keine weitere Chance, das war echt beschissen!
Jobs gabs für ihn nicht, und so kam´s
das ihn jegliche Hoffnung verließ.

Ohne Hoffung, ohne Liebe
ohne jede Perspketive
erwuchs  in ihm ein kranker Plan
Zuhause- ganz allein.
„Ich mach jetzt Schluß- auf jeden Fall
und zwar mit einem großen Knall!
Genau wie die Zwei- in den Staaten!
Genau wie in Columbine!“

Und so kam es, wie´s geschrieben steht
ein Halbwüchsiger in seine Schule geht
hoffnungslos und schwer bewaffnet
ist seine Anspannung ungeheuer!
Doch sein Gesicht ist regungslos
und plötzlich gehn die Schreie los
als er seine alte Klasse erreicht
eröffnet er das Feuer!

...und die Moral von der Geschicht?

Drum prüfe sich, wer ein Baby macht-
habt ihr die Ausdauer, Mut und die Kraft
ihm all eure Zeit und viel Liebe zu geben?
Denn tut ihr es nicht
versaut ihr sein Leben!

Mittwoch, 8. Februar 2017

Verlieren

Ich bin ein Verlierer!
Und auch noch stolz darauf!
Und deine abschätzigen Blicke gehen mir periphär am Arsch vorbei.

Um uns herum und in uns drin müssen wir alle immer Sieger sein, immer Erster sein, höher, schneller, weiter, schöner. cooler, reicher...unsere Akkus geben immer 101%.
You gonna be in it to win it, never change a winning team and sing when you´re winning! So sehen Sieger aus schaaaaalalalalaaaaa!
Also erwartest du von dir selbst nichts weniger als das Maximum, du bist ein Siegertyp, das Alphatier mit dem größten Schwanz un der fettesten Karre.
Alle prügeln dir diese Erwartungen seit dem Tag deiner Geburt in deinen Schädel und deine Lehrer, deine Eltern, dein Partner, die Medien und zuletzt du selbst mauerst dich Stein um Stein in ein Gefängnis aus Erwartungen, Konventionen, Normen und Leistungsdruck ein. So lange, bis deine Blicke allem fern sind außer dir selbst und deine Gedanken nur bei dem sind was du hast und nicht bei dem, was du bist.
Und immer wieder sagst du dir selbst: "Ich bin kein Verlierer! Neeeeeeein! Ich verliere NIEMALS!!!!"

Alter...warum denn nicht? Was erwartest du denn? Etwa einen Pokal? Einen Orden? Eine Urkunde?
Was ist denn am Verlieren so schlimm? Verlieren ist das neue Gewinnen! Trau dich doch! Fang langsam an die ersten Paar Steine aus deiner Gewinnergefängnismauer herauszuhebeln.
Erinnere dich- du hast schon früher verloren, und das war doch gar nicht so übel. Damals hast du erst deine Hemmungen, dann deine Klamotten und darauf deine Jungfräulichkeit verloren. Bedauerst du diesen Verlust?
Fang an wieder lustvoll zu verlieren!
Verliere die Hoffnung darauf das in deinem Job alles besser wird wenn du nur hart genug arbeitest, scheiß auf die Überstunden und trau dich mal wieder zu leben, zu er- leben!
Verliere die Angst davor den Erwartungen der Anderen nicht gerecht zu werden, zieh´den Stock aus deinem Arsch und dann zieh damit all den Spießern um dich herum einen ordentlichen Scheitel, denn Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen!
Und wenn du dir mal vorstellst die Gesellschaft mit all ihren Konventionen, Normen, Regeln und Zwängen wäre eine Glühbirne die man dir in´s Gehirn schrauben will- dann verlier´doch einfach mal die Fassung!
Verliere den Glauben an eine höhere Macht, das Schicksal, deine Firma, die Politik, den Euro oder irgendwelche Umfragen und glaube an dich selbst! An deine Menschlichkeit, deine Emfindsamkeit, deine Kreativität!
Verlier dein Herz an einen Menschen der dir wichtig ist, der dich kennt und liebt genau so wie du bist und verliere die Angst davor verletzt zu werden, denn jede Narbe die du trägst zeigt, das du gelebt hast!
Verliere endlich die Geduld mit all den hetzerischen Rechtspopulisten, erkenne das das Teilen und Liken von irgendwelchen Sprüchen oder Bildern auf Facebook KEIN politisches Engagement ist und geh mal wieder auf die Straße...oder zumindest wählen!
Verlier doch mal dein Smartphone und dein W-Lan Passwort und finde heraus wie sich das analoge Leben so anfühlt. Und wenn du schon da draußen bist geh auf andere Menschen zu und verliere ein paar Worte über die Dinge, dich dich wirklich bewegen, verliere deinen Hang zu Smalltalk.
Verlier die Contenance, sprich die Leute an die dir echt zuwider sind und lass sie wissen, das sie sich mal gepflegt in´s Knie ficken dürfen!
Verlier doch mal den Konsumkack und den Leistungsdruck aus den Augen, verschaff dir eine neue Perspektive auf die Dinge und fang an, die Dinge wieder zu bestaunen mit großen, neugierigen Augen!
Verliere dein Zeitgefühl, verliere dich in den Dingen die du liebst und fang an dich ganz auf´s Neue für Unbekanntes zu begeistern.
Verliere einfach den allgegenwärtigen Krieg der um uns tobt, Jeder gegen Jeden in unserer Ellenbogengesellschaft, strecke die Waffen, schwenke die weiße Fahne und lass die Anderen das Scheißspiel ohne dich weiterspielen, setz dich auf die Ersatzbank, betrachte alles von Außen und lerne daraus!

Verlieren bringt dir keine Preise oder Orden ein.
Doch verlierst du die Angst vor dem Verlieren, verlierst du gleichzeitig eine große Last die dich so lange niedergedrückt hat, dich gebremst und gehemmt hat.
Und ohne diese Last wirst du dich so viel leichter fühlen!
Wie ich schon sagte- Verlieren ist eine Chance, ich muss es ja wissen!
Schließlich bin auch ich ein Verlierer...aber mit Überzeugung!


Freitag, 20. Januar 2017

Communication Breakdown

Communication Breakdown
oder
Wenn Schweigen zur Sprache wird

Jetzt sitzt du da...
und schweigst...
Und irgendwie fehlen dir die Worte
und du bist sprachlos
bist deine Sprache los.
Obwohl die Worte da sind, irgendwo in dir
hinter Mauern aus Schuld, Angst, Vorwürfen
Wut, Trauer und auch Verzweiflung.
Dort warten sie auf dich, die RICHTIGEN Worte
für den richtigen Ort und die richtige Zeit.
Doch die Kluft zwischen dem,
was du eigentlich sagen willst und
dem, was dann deinem Mund entflieht
kommt dir vor wie dein ganz persönlicher Grand Canyon.
Sprache ist ein Hindernis für dich, eine Hürde
zwischen dem, was du meinst und dem,
was dein Gegenüber wahrnimmt.
Eine irreführende Umleitung für deine Gedanken.
Also hast du Angst.
Angst davor falsch verstanden zu werden,
durch ein falsches Wort
eine falsche Geste
oder die falsche Betonung einen Sturm auszulösen.
Und so
wird Schweigen zu deiner Sprache.

Und jetzt steht er dort...
und schweigt...
Ihr kennt euch schon so lange
und du nennst ihn liebevoll "Diggah"
und er dich "mein Bro".
Doch trotz all der Jahre
und all der Dinge die ihr gemeinsam erlebt habt
durch dick und dünn
fast wie ein altes Ehepaar
"In guten und in schlechten Zeiten",
gibt es diesen Teil in ihm,
dieses kleine, verbotene Sperrgebiet
in welches er dich nicht blicken lässt.
Ganz egal, was du sagst.
Ganz egal, was du tust.
Und du machst dir Sorgen und fragst dich
wie es wohl in ihm aussehen mag.
Deine Antennen- sie fangen etwas auf: Warnsignale,
diffus und unkonkret kannst du sie kaum fassen
nicht wirklich be- greifen.
Doch du spürst, etwas ist verkehrt
Etwas läuft hier gar nicht rund.
Also lässt du nicht locker und du gibst nicht auf
Versuchst es direkt und auch um drei Ecken.
Du schmeichelst, hakst nach, sagst du machst dir Sorgen.
Doch er schaut dich an und schüttelt seinen Kopf
Und macht so
Schweigen zu seiner Sprache.

Und jetzt sitzt sie da...
und schweigt...
Sich zu streiten wäre ein Fortschritt
verglichen mit dem Hier und Jetzt.
Denn nun sitzt ihr euch gegenüber
und habt euch nichts(mehr) zu sagen,
Und wenn ihr euch anseht
dann ist das flüchtig und verlegen,
gar so, als sollte es zufällig aussehen.
Doch dann fasst du dir ein Herz
und springst über deinen Schatten,
sprichst sie an und fragst:
"Alles ok?"

Was sie hört, das sind zwei Worte
doch was du meinst ist so viel mehr:
"Ich möchte, das es dir gut geht"
"Ich bin jetzt hier für dich und höre dir zu"
"Ich sorge mich um dich"
"Ich habe Angst dich zu verlieren"
"Kann ich etwas tun damit es dir besser geht?"
"Was beschäftigt dich im Moment?"
Doch sie hört nur was du gesagt hast
und nicht, was du denkst und meinst,
und sie fühlt sich missverstanden
und schon gibt ein Wort das Andere.
Jetzt wird wieder scharf geschossen
mit Vorhaltungen und Vorwürfen.
Seid Schiffsbrüchige auf der Metaebene
Hin und her, gepeitscht zwischen
verbal, nonverbal, paraverbal
und gefangen zwischen Kontext und Subtext
wollt ihr doch beide eigentlich das Gleiche:
Endlich mal wieder Klartext!
Verstehen- und verstanden werden.
Doch schießt ihr weiter mit scharfer Munition
und Worthülsen fallen glühend heiß zu Boden,
fallen zwischen euch, türmen sich auf
und die Distanz zwischen euch nimmt zu.
Irgendwann später-wenn der Kampfeswille versiegt
trefft ihr stillschweigend eine Vereinbarung.
Einen Nichtangriffspakt- vorläufig
und ihr besiegelt ihn mit Schweigen.

Einen Schritt vor
Drei Schritte zurück
Nichts ist gelöst
Und der Rest ist Schweigen





Sonntag, 4. Dezember 2016

Nachtgedanken

Hallo Welt.

Mein Beruf macht es erforderlich, das ich auch manchmal Nachts arbeiten muss.
An manchen Nächten kommt man kaum zum durchatmen.
An manchen Nächten ist es etwas ruhiger- und aus einer solchen Nacht stammt dieser Text!

Nachtgedanken

Aus der Schwärze der Nacht
kurz bevor das Tageslicht die Sterne tötet
sende ich euch Grüße und meine Gedanken.
Euch, die ihr die Nacht mit Leben erfüllt
mit eurem Leben füllt.

An alle Säufer, Junkies und Party-People,
immer torkelnd auf einem Drahtseil
zwischen Komödie und Tragödie.
Gebt von euch weise Worte aus der Närren Münder
oder doch närrische Worter aus den Mündern von Weisen?

An alle Trucker,
deren herbe Geliebte aus Asphalt
sich unter ihnen windet,
sich durch die Nacht zieht wie ein Strumpfband,
von Xenon-Schein erhellt.

An alle Rettungssanitäter,
gebeutelt von Müdigkeit und Unterbezahlung.
Latexumhüllte Hände, verdreckt von Blut, Kotze und Scheiße
kämpfen um Leben
und noch ein Leben.

An alle Prostituierten,
gefangen in ihrer ganz eigenen Lebenssackgasse
unfreiwillige Bewohner der Bordsteinhölle,
immer hoffend das die Nacht bald enden möge
und der nächste Freier der Letzte sei.

An Feuerwehr und Polizei,
immer knapp an Personal und Rückhalt aus der Bevölkerung
tun sie, was immer sie können
und müssen sich trotzdem immer wieder fragen lassen:
"Wo seid ihr gewesen? Wo wart ihr als ICH euch brauchte?"

An alle Taxifahrer
Nomaden der Straße, Blutkörperchen in den Adern der Städte,
immer hoffend auf mehr Trinkgeld
und auf weniger belanglosen Smalltalk
als bei der letzten Tour.

Ihr wacht, während wir schlafen
Ihr arbeitet, während wir träumen
Seid in Bewegung, wenn wir stillstehen
Ihr, die ihr die Nacht mit Leben erfüllt,
mit euren Leben füllt.

An alle Studenten,
hinter den Schaltern hunderter Tankstellen
gegen den Schlaf ringend um euer Studium zu finanzieren.
In einer Hand ein Lehrbuch, in der Anderen einen Stift,
immer hoffend, heute nicht in den Lauf einer gezogenen Knarre blicken zu müssen.

An alle Fabrikarbeiter,
allein mit sich selbst während
ihre Herzen im Takt der Maschinen schlagen
und Neonlicht jeden Rest von Biorhythmus
aus ihren geschundenen Körpern brennt.

An alle DJ´s,
die sich von besoffenen Gästen
geschmacklose Songwünsche anhören müssen.
Die sich auditiv prostituieren müssen, denn der Kunde ist König-
auch wenn sein Musikgeschmack noch so scheiße ist.

An alle Krankenschwestern und Altenpfleger,
die dem kranken Gesundheitssystem
noch immer nicht den Rücken gekehrt haben
und trotz Personalknappheit
noch immer lieben, was sie tun.

An alle Streetworker und Sozialarbeiter,
die heute Nacht wieder einmal
ein paar Obdachlose vor dem Erfrieren gerettet haben-
ihr habt euren eigenen Weg gefunden
um diese Welt zu retten: Immer eine Seele nach der Anderen!

An alle Kellnerinnen
in Kneipen und Bierzelten
immer dummen Sprüchen und lüsternen Blicken ausgesetzt
macht ihr weiter, obwohl die ganze Geschichte nur
"ein vorübergehender Job, ein Sprungbrett" sein sollte.

An alle jungen Eltern,
die entschieden haben, ihr Leben wie sie es kannten
hinter sich zu lassen, um neues Leben zu hüten.
Und sich die Nacht um die Ohren schlagen
weil ihr Nachwuchs zahnt oder kränkelt.

Ihr lauft, während wir uns nochmal umdrehen
Ihr schwitzt, wenn wir uns zudecken
Ihr verzweifelt, während wir ruhen
Ihr, die ihr die Nacht mit Leben erfüllt,
mit euren Leben füllt.

An all die Schlaflosen da draußen,
deren Gedanken um das Studium, den Job,
die Familie, das Geld, unser Land,
das Klima oder die Welt sie um den Schlaf bringen.

Mancher wälzt sich unruhig hin und her,
ein Anderer liest ein Buch, der Nächste raucht noch eine
oder geht noch eine Runde um den Block.
Vielleicht trinkst du noch ein Bier oder Fünf
drehst dir noch eine Tüte, versuchst es mit Baldrian
oder vielleicht auch härteren Sachen?

Vielleicht liegst du mit halb geöffneten Augen
auf dem Sofa und versuchst
mit der gequirlten Scheiße die aus der Glotze strömt
dein Gedankenkreisen zu durchbrechen?

*Pffft*-Nachrichten
*Pffft*-Werbung
*Pffft*-Serie-Wiederholung
*Pffft*-Titten- RUF...MICH...AN!
*Pffft*-Homeshopping- UN-GLAUB-LICH
*Pffft*-Dokumentation-Hitler´s Helfer
*Pffft*-Titten
*Pffft*-Kochshow- Wiederholung
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*Pffft*-Telefon-Gewinnspiel-nennen sie 5 deutsche Städte mit jeweils nur 4 Buchstaben!
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...gefangen in einem Strudel aus Worten und Bildern
Tönen und überflüssigen Informationen
kann dein Gehirn keinen Inhalt mehr klar erfassen
und kommt doch nicht zur Ruhe.

Und so schaltest du weiter, alle Kanäle
hoch und wieder zurück.
Oh- schon 5 Uhr!
Frühstücksfernsehen hat schon angefangen
und ein weiterer, schlaftrunkener Tag
kratzt mit langen Fingernägeln an deine Tür.

Aus der Schwärze der Nacht
kurz bevor das Tageslicht die Sterne tötet
sende ich euch Grüße und meine Gedanken.
Euch, denen die Nacht das Leben zur Hölle macht
Denen die Nacht keinen Schlaf gönnt.
Euch, deren Leben die Nacht ausfüllt
Denen die Nacht das Leben aushöhlt.







Donnerstag, 24. November 2016

Ostern aufm Dorf oder auch:Tagebuch einer Apokalypse

Für Charly.
Danke für die Inspiration!

Ostern aufm Dorf
oder auch:
Tagebuch einer Apokalypse

Donnerstag

Ich schreibe diese Zeilen in der Hoffnung, das die Nachwelt aus diesen Aufzeichnungen lernt und eine bessere Zukunft formt, sofern es eine Zukunft geben mag. Der Ausnahmezustand ist keine diffuse Bedrohung am Horizont, er ist Gewissheit, so unvermeidlich wie auf jede Nacht ein neuer Tag folgt.
Heute habe ich ein letztes Mal Gelegenheit gehabt meine Vorräte aufzufüllen, inmitten panisch umherlaufender Menschenmassen gelang es mir das Notwendigste zu organisieren: Wasser, Nahrungsmittel, Batterien, Medikamente, Bücher, Brett- und Kartenspiele, DVDs.
Die anderen Leute in meinem Dorf verhalten sich wie eine unruhige Herde von Schafen, alle wuseln hin und her in der vagen Ahnung das etwas Furchtbares passieren könnte.
Ich weiß nicht ob es mir gelingen wird mich und meine Lieben in den nächsten Tagen vor Übergriffen zu schützen. Wem auch immer diese Aufzeichnungen in die Hände fallen- die Menschheit muss erfahren was hier vor sich ging.

Möge Gott meiner armen Seele gnädig sein.

Karfreitag

So beginnt es also, an einem grauen, kalten Morgen im April. Die Straßen sind entvölkert, alle Geschäfte verriegelt und verrammelt, ein eisiger Wind pfeift durch unser Dorf und kriecht in jeden Türspalt, jede Fuge, jede Ritze. Nach einer unruhigen Nacht nehme ich mit meiner Familie ein karges Frühstück ein, immer darauf bedacht den Fenstern nicht zu nahe zu kommen.
Ich kann schon hören wie die ersten Verzweifelten unter meinem Fenster entlang schlurfen Richtung Dorfkirche, in verbitterter Hoffnung auf etwas Gesellschaft und Zerstreuung. Ich falle nicht auf die Kirchenglocken herein, der Rausch der Gemeinschaft währt nur kurz und nur allzu schnell findet man sich in den Fängen verzweifelter Frührentner wieder, welche dich in ihre Wohnung zerren um dich mit stundenlangen Diavorträgen über ihren letzten Urlaub in Kleinwölferode bei pappigem Gebäck und dünnen Kaffee in den Wahnsinn zu treiben.
Nein, meine Familie muss unter sich bleiben- ich habe alle Handys ausgeschaltet und im Tresor weggeschlossen, den Router abgeklemmt, die Haustürklingel ebenso. Ich brauche keine Anrufe von alten Klassenkameraden, entfernten Verwandten oder den Schwiegereltern, schlimmer noch: spontane Besuche! Wir können es uns nicht erlauben unsere Vorräte mehr als nötig zu strapazieren.
Trotzdem passieren immer wieder Zwischenfälle- ich habe heute versehentlich den Fernseher eingeschaltet! Das Programm war so beschissen das ich nur schwer dem Drang widerstehen konnte mir meine Augen mit Domestos auszuwaschen.
Gerade unsere Kleine hat es besonders schwer. Nach fünf Runden MauMau und zwei Partien Monopoly blickt sie mich mit großen, traurigen Augen an und fragt mich:" Papa, wann darf ich wieder nach draußen?". Ich drücke sie fest an mich. "Schon bald mein Schatz, schon bald!", flüstere ich während ich versuche nicht zu weinen.

Karsamstag

Ohrenbetäubender Lärm von draußen reißt mich aus dem Schlaf!
Ich erkenne viele Menschen auf der Strasse, doch ich sehe keine Gelassenheit in ihren Gesichtern, keine Freude, keine Zufriedenheit. Statt dessen sehe ich panischen Konsumwahn, leuchtend in verzerrten Gesichtern. Omas verkeilen sich ineinander um sich gegenseitig zu Tode zu labern, entnervte Eltern ziehen ihre missratene, flennende Brut hinter sich her:" ICH WILL ABER JETZT DEN SCHOKOHASEN!!!"
Unbarmherzig wandert der der Sekundenzeiger weiter Richtung 13 Uhr- Ladenschluss. Wer bis jetzt seinen Osterkrempel nicht beisammen hat stürzt in tiefe Depression. Vereinzelt krallen sich Hände an geschlossene Ladentüren oder bollern gegen Fenster.
"Bitte! Ich brauche doch nur Farbe um unsere Ostereier anzumalen, bitteeeeeeee!"
Die Schreie verhallen ungehört.
Während der Tag sich dem Ende neigt wird uns zunehmend die Ausweglosigkeit unserer Situation bewusst, erste Ausfallerscheinungen zeigen sich. So sah ich heute meine Frau neben dem Radio kauern, sich selbst im Schneidersitz vor- und zurück wiegend, feine Blutrinnsale traten aus ihren Ohren. Aus dem Radio plärren:"Die Hits der 80er und 90er, und das Beste von Heute!", pervers auf 3 Minuten zusammengekürzte, bedeutungslose Klanghäppchen, daneben meine Frau: gefangen zwischen infantilem Wahn und trostloser Hoffnungslosigkeit.

Ostersonntag

Die Temperaturen sind über Nacht unter Null Grad gesunken.
Voller Bedauern denke ich an all die kleinen Kinderhände, die sich heute in ihren Gärten durch festgefrorene Böden wühlen müssen auf der Suche nach Eiern und Süßigkeiten. Für unsere Tochter haben wir vorgesorgt, es gibt Bio-Eier aus ökologischer Freilandhaltung, sowie vegane Hirse-Hafer Kekse- wir wollen uns, ebenso wie ihr, den Zuckerschock ersparen, welchem heute allzu Viele zum Opfer fallen.
Mit meinem Feldstecher beobachte ich das Treiben auf dem Spielplatz im Park, dort tun sich Abgründe auf. Muttis tragen trotz der Kälte ihr schönstes Sonntagskleid zur Schau, Papis ihr tapferstes Sonntagsgesicht. Ihre verzerrt grinsenden Gesichter erinnern mich unwillkürlich an Batmans Erzfeind- den Joker.
Eine Horde Kinder, offensichtlich schwer auf Zucker, führt sich auf als wäre sie ein Rudel Rottweiler auf Chrystal Meth. Ich kann keine einzelnen Kinder erkennen, nur verwaschene Umrisse und die Kondensstreifen, welche sie hinter sich herziehen, so schnell bewegen sie sich! Hören kann man sie umso besser, selbst auf diese Entfernung.
Meine Tochter probt den Aufstand, meint, wenn sie noch ein einziges Mal Uno oder Mensch ärgere dich nicht spielen muss flippt sie aus.
Schätze es ist Zeit das die Spielkonsole zum Einsatz kommt.

Ostersonntag- Nachtrag

Der größte anzunehmende Unfall ist eingetreten: der Fernseher ist kaputt, Spielkonsole und DVD-Player somit unbrauchbar!
Es war alleine meine Schuld und nun weiß ich auch warum die Nintendo Wii Controller eine Handgelenk-Schlaufe haben.
Mein Gott- was habe ich getan?

Ostermontag

Durchhalten!
Unbedingt durchhalten!
Kein anderer Gedanke dominiert mein Gehirn. Muss mich immer wieder zur Vernunft ermahnen, hatte heute schon mehrfach die Haustürklinke in der Hand!
Draußen herrscht allumfassender Verfall. Die Infektion durch Langeweile und Tristesse greift weiter um sich, Während ein Großteil der Menschen lethargisch auf Parkbänken kauert und mit leerem Blick Tauben und fette Enten mit übrig gebliebenen Osterkeksen füttert, beginnen vereinzelte Mütter euphorisch durch die Straßen zu rennen und fallen jeden an, der sich nicht sofort in ihrer Gegenwart tot stellt.Väter vergießen bittere Tränen weil ihr Stammtisch dieses Wochenende ausgefallen ist, währen die Kinder prahlend von Haus zu Haus ziehen um herauszufinden, wer denn am meisten geschenkt bekommen hat.
Meine Familie ist mit ihren Kräften am Ende! Meine Tochter drückt ihren zerfransten Teddy fest an sich während die unter Tränen immer wieder den kaputten Fernseher streichelt. Dem Teddy fehlen beide Beine, Füllwatte quillt aus den Öffnungen, Seltsam, ich bin mir sicher das die Beine gestern noch dran waren.
Meine Frau liest mit tiefliegenden Augen mittlerweile zum fünften Mal die gleiche Ausgabe der Bild der Frau, welche sie irgendwo in unserer Wohnung fand. Zu etwas Anspruchsvollerem fehlen ihr die Kraft und die Konzentration, die Fingernägel an beiden Händen hat sie schmerzhaft kurz abgekaut.
Ich selbst habe zunehmend mit Realitätsverlust zu kämpfen! Obwohl das Radio ausgeschaltet ist höre ich eine Melodie in Endlosschleife meine Ohren malträtieren:

DÖP DÖP DÖP DÖDÖDÖP DÖP DÖP - DÖ DÖP DÖP DÖP DÖDÖDÖP DÖP DÖP

Das Schreiben fällt mir zunehmend schwer, kann mich nicht mehr konzentrieren.
Muss.....stark....bleiben
Muss ww....weiter...schr...

Ostermontag- 23:58 Uhr

Wir sitzen im Schneidersitz auf dem Boden und halten uns an den Händen, in unserer Mitte brennt eine Kerze, eine Digitaluhr steht daneben. 23:59 Uhr, es ist fast vollbracht. Wir schweigen, schließen unsere Augen, halten den Atem an und senden ein Stoßgebet gen Himmel.
Mitternacht- willkommen, Normalität!
Wie liegen uns in den Armen, lachen und weinen zugleich.
Endlich wieder Schule! Endlich wieder Unterricht zwischen grenzdebilen Mitschülern und überforderten, desillusionierten Lehrern!
Endlich auf überfüllten Straßen während der Rush Hour wieder andere Autofahrer anpöbeln!
Sich endlich wieder auf der Arbeit mit unzufriedenen Kunden und ätzenden Vorgesetzten rumschlagen!
Endlich wird man wieder in überfüllten Supermärkten von gestressten Mitmenschen angerempelt!
Endlich wieder Zeitungen mit schlechten Nachrichten und Rechnungen im Postkasten!
Endlich wieder Daily Soaps gucken, blöde Sprüche per WhatsApp verschicken und sinnlose Posts auf Facebook lesen.
Endlich wieder Wecker stellen und früh aufstehen!

Der Alltag hat uns wieder!
Gott sei dank!


Donnerstag, 17. November 2016

#FrauenfeindlicherSexist

#FrauenfeindlicherSexist

Bin unterwegs. Außerhalb. Lese etwa 100 Leuten etwas vor. Open Stage-wer will, der darf und macht, was er will- zehn Minuten lang. Einige singen. Spielen Gitarre. Ich lese.
Text handelt von Gutscheinen, deren Vor- und Nachteilen. Überspitzt. Satirisch. Albern.
Funktioniert! Leute lachen. Bin zufrieden. Lächle.
Text wird im letzten Drittel zunehmend ordinär. Will Reaktionen provozieren. Schwadroniere über einen "Blowjob-Gutschein". Nehme im nächsten Satz die Männer auf´s Korn.
Spitze den Text weiter zu. Fertig!
Ich höre Applaus. Höre Lachen. Irgendwer ruft "Buuuuh!". Kann es nicht lokalisieren.
Verlasse die Bühne. Genieße den Endorphinkick. Hole mir eine Cola und setze mich.
Frau spricht mich an. Will nachher in Ruhe mit mir Reden. Erkenne die Frau. Ist vor mir aufgetreten. Singer- / Songwriter. Authentisch, wütend, regelrecht zornige Texte. Gitarre war verstimmt.
Tut mir leid für sie.

Später

Auf der Bühne ist Pause. Stehe rauchend draußen. Frau kommt auf mich zu. Könnte 18 aber auch 28 sein. Kann ich nicht einschätzen. Löchrige schwarze Leggings unter kurzem Jeansrock. Armeestiefel. Schal, kariertes Flanellhemd. Nach rechts gescheitelter Pony, fixiert mit Haarspray, ebenso unverrückbar wie ihre Meinung.
"Dann schieß mal los", sage ich.
Sie fühle sich durch meinen Text angegriffen und persönlich herabgewürdigt.
Ich frage warum.
Sie sei Feministin.
"Ist ja nicht schlimm", sage ich.
Sie fühle sich persönlich verletzt.
Wundere mich.
Als ich über den Blowjob-Gutschein sprach, hätte ich damit das Bild vermittelt das Frauen nur für die Erbringung sexueller Dienstleistungen gut seien, und sonst für nix. Bin erstaunt.
"Provokation ist eine mächtige Waffe!", sage ich.
Sie holt weit aus. Sie sei Sozialpädagogin, lesbisch, habe kürzlich traumatische Erlebnisse mit Männern gehabt. Das tut mir aufrichtig leid. Frage mich trotzdem, was das mit mir zu tun hat.
Bombardiert mich mit Fachbegriffen aus Psychologie und Soziologie. Komme nicht zu Wort. Ich lächle. Ich höre zu. Ich nicke. Ich schaue ihr in die Augen.
Verstehe leider nur die Hälfte von dem was sie versucht mir zu vermitteln. Fühle mich herabgesetzt.
"Schon geil so eine Hochschulausbildung und ´n Studium! Da kommt mein Arbeiterklassengehirn leider nicht mit!", sage ich.
Sie sei vielseitig politisch engagiert, sagt sie. Bin der Überzeugung das das stimmt. Fängt an Vereine, Verbände und Initiativen aufzuzählen. Die Begriffe sagen mir nichts. Lasse es sie wissen.
"Vielleicht liegt es daran das ich ein Stadtkind bin", sagt sie.
"Und ich bin ein Dorfnerd!", sage ich.
Kurze Pause. Darf wohl sprechen.
Erkläre, das ich in meinem Job als Altenpfleger auf einer Demenzstation in den letzten 20 Jahren ein hohes Maß an Empathie entwickelt habe, der Frauenanteil in meinem Job 90% beträgt und es nicht meine Absicht war, die Frauen im Allgemeinen oder Sie im speziellen anzugreifen oder herabzuwürdigen.
Entschuldige mich. Meine es aufrichtig.
Erkläre, es gehe mir nur um das Erzeugen einer Reaktion, und unser Gespräch beweise meinen Erfolg.
"Jeder, der eine Bühne betritt, will doch eine Reaktion.", sage ich.
Nein, das wolle sie nicht, für sie sei das Singen ihrer Songs vor Publikum Therapie. Ich schweige. Ich nicke. Denke trotzdem ,das sie die Zeit auf der Bühne genießt und sie das "Rampensau"-Gen in sich trägt. Verstehe nicht, warum sie nicht dazu stehen kann.
Gespräch läuft aus, wie ein Reifen der Luft verliert. Sprechen den Rest des Abends nicht mehr miteinander.
Hält mich vermutlich für blöde, ungebildet und ignorant.
Mir egal.
Sollte mir egal sein.

Zwei Tage später

Ist mir NICHT egal, verdammt nochmal!
Sitze in einem Cafe. Denke nach. Schreibe diesen Text in meinen karierten College-Block. Lasse den stakkatoartigen Erzählstil fallen.

Mir wurde in meinem Leben schon viel angedichtet und an den Kopp geschmissen. Frauenverachtender Sexist ist neu!
Einige der wichtigsten Menschen in meinem Leben sind und waren Frauen:
Meine liebevolle Großmutter, bei welcher ich viele schöne Jahre meiner Kindheit verbracht habe.
Meine Mutter, ein starker und standhafter Mensch, der seine Kinder über lange Jahre alleine durchbringen musste.
Meine Grundschullehrerin, die mich immer bestärkt und ermutigt hat, und wenn ich noch so nervtötend war.
Meine große Schwester die mich lehrte: ja, es ist okay sich zu wehren, auch gegen Mädchen/Frauen.
Meine Ehefrau, die mich liebt OBWOHL sie alle meine Schrullen und Fehler kennt, mit der ich seit über 20 Jahren durch gute Zeiten und tiefe Täler wandere.
Meine Tochter, die mir mit ihrer nervösen Energie manchmal die letzte Geduld raubt, welche ich aber trotzdem abgöttisch liebe.
Ich bin mir bewußt das Frauen jahrhundertelang unterdrückt wurden, von der Kirche, angestaubten gesellschaftlichen Ansichten, engstirnigen Geschlechterklischees. Liebe Frauen- ich nehme Anteil und finde es furchtbar das ihr all dies durchleben musstet. Trotzdem muss ich euch fragen:

Was hat das mit mir zu tun?

Klar, ich bin ein Mann, aber daraus zu schließen ich sei ein tyrannisches und frauenverachtendes Arschloch ist ebenso absurd wie die Behauptung, alle Flüchtlinge seien Terroristen oder alle Deutschen automatisch Nazis. Ich bin für Gleichberechtigung- gleiche Löhne, gleiche Chancen, gleiches Recht für alle. Das heißt für mich: wir treffen uns auf Augenhöhe, keiner steht über dem Anderen.
Kein Oben.
Kein Unten.
Nur ein Gegenüber.
Gegenseitige Achtung und Respekt und die Gelassenheit, einfach mal zu lachen wenn man auf die Schippe genommen wird. Eben nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen.
Emazipation heißt nicht für mich:
"Oh Frau, du gottähnliches Wesen, laß mich dich auf einen Altar heben und den Boden auf dem du schreitest anbeten. Ich werde alles verleugnen was ich bin, meine Gedanken, meine Biologie, meine Gefühle, meine Hormone, meine Meinung. Ich werde mich auf ewig schmutzig, minderwertig und klein fühlen weil ich als Mann geboren wurde und du mir gezeigt hast, wie abgrundtief verwerflich das ist. Im Hier und Heute will ich auf ewig Buße tun für all die tausend Jahre Unterdrückung, die du und deinesgleichen erdulden mussten. Verzeih mir, das ich existiere!"

Nein! Ich will euch auf Augenhöhe begegnen, keine Umkehrung der Vergangenheit, keiner steht über dem Anderen.
Es bekümmert mich, macht mich traurig und zornig, das so viele Frauen Opfer von Gewalt und Mißbrauch durch Männerhand werden. Das ekelt mich an! Ich fühle mit euch. Doch in erster Linie sind die Täter nicht "typisch Mann", sondern Arschlöcher mit Y-Chromosom, und Arschlöcher gibt es leider überall, seien es Männer, Frauen, Jugendliche oder sonstwas.
Bitte verliert nicht die Hoffung in alle anderen Männer da draussen wenn ein männliches Arschloch euch auf abscheuliche Weise behandelt hat. Stempelt mich nicht als frauenverachtenden Sexisten ab weil in einem absurden Text eine Situation überspitzt dargestellt habe.
Stempelt mich nicht ab, nur weil ich ein Mann bin.

Denn ihr wisst ja- jemanden aufgrund seines Geschlechtes zu diskriminieren, das ist Sexismus!