Sonntag, 4. Dezember 2016

Nachtgedanken

Hallo Welt.

Mein Beruf macht es erforderlich, das ich auch manchmal Nachts arbeiten muss.
An manchen Nächten kommt man kaum zum durchatmen.
An manchen Nächten ist es etwas ruhiger- und aus einer solchen Nacht stammt dieser Text!

Nachtgedanken

Aus der Schwärze der Nacht
kurz bevor das Tageslicht die Sterne tötet
sende ich euch Grüße und meine Gedanken.
Euch, die ihr die Nacht mit Leben erfüllt
mit eurem Leben füllt.

An alle Säufer, Junkies und Party-People,
immer torkelnd auf einem Drahtseil
zwischen Komödie und Tragödie.
Gebt von euch weise Worte aus der Närren Münder
oder doch närrische Worter aus den Mündern von Weisen?

An alle Trucker,
deren herbe Geliebte aus Asphalt
sich unter ihnen windet,
sich durch die Nacht zieht wie ein Strumpfband,
von Xenon-Schein erhellt.

An alle Rettungssanitäter,
gebeutelt von Müdigkeit und Unterbezahlung.
Latexumhüllte Hände, verdreckt von Blut, Kotze und Scheiße
kämpfen um Leben
und noch ein Leben.

An alle Prostituierten,
gefangen in ihrer ganz eigenen Lebenssackgasse
unfreiwillige Bewohner der Bordsteinhölle,
immer hoffend das die Nacht bald enden möge
und der nächste Freier der Letzte sei.

An Feuerwehr und Polizei,
immer knapp an Personal und Rückhalt aus der Bevölkerung
tun sie, was immer sie können
und müssen sich trotzdem immer wieder fragen lassen:
"Wo seid ihr gewesen? Wo wart ihr als ICH euch brauchte?"

An alle Taxifahrer
Nomaden der Straße, Blutkörperchen in den Adern der Städte,
immer hoffend auf mehr Trinkgeld
und auf weniger belanglosen Smalltalk
als bei der letzten Tour.

Ihr wacht, während wir schlafen
Ihr arbeitet, während wir träumen
Seid in Bewegung, wenn wir stillstehen
Ihr, die ihr die Nacht mit Leben erfüllt,
mit euren Leben füllt.

An alle Studenten,
hinter den Schaltern hunderter Tankstellen
gegen den Schlaf ringend um euer Studium zu finanzieren.
In einer Hand ein Lehrbuch, in der Anderen einen Stift,
immer hoffend, heute nicht in den Lauf einer gezogenen Knarre blicken zu müssen.

An alle Fabrikarbeiter,
allein mit sich selbst während
ihre Herzen im Takt der Maschinen schlagen
und Neonlicht jeden Rest von Biorhythmus
aus ihren geschundenen Körpern brennt.

An alle DJ´s,
die sich von besoffenen Gästen
geschmacklose Songwünsche anhören müssen.
Die sich auditiv prostituieren müssen, denn der Kunde ist König-
auch wenn sein Musikgeschmack noch so scheiße ist.

An alle Krankenschwestern und Altenpfleger,
die dem kranken Gesundheitssystem
noch immer nicht den Rücken gekehrt haben
und trotz Personalknappheit
noch immer lieben, was sie tun.

An alle Streetworker und Sozialarbeiter,
die heute Nacht wieder einmal
ein paar Obdachlose vor dem Erfrieren gerettet haben-
ihr habt euren eigenen Weg gefunden
um diese Welt zu retten: Immer eine Seele nach der Anderen!

An alle Kellnerinnen
in Kneipen und Bierzelten
immer dummen Sprüchen und lüsternen Blicken ausgesetzt
macht ihr weiter, obwohl die ganze Geschichte nur
"ein vorübergehender Job, ein Sprungbrett" sein sollte.

An alle jungen Eltern,
die entschieden haben, ihr Leben wie sie es kannten
hinter sich zu lassen, um neues Leben zu hüten.
Und sich die Nacht um die Ohren schlagen
weil ihr Nachwuchs zahnt oder kränkelt.

Ihr lauft, während wir uns nochmal umdrehen
Ihr schwitzt, wenn wir uns zudecken
Ihr verzweifelt, während wir ruhen
Ihr, die ihr die Nacht mit Leben erfüllt,
mit euren Leben füllt.

An all die Schlaflosen da draußen,
deren Gedanken um das Studium, den Job,
die Familie, das Geld, unser Land,
das Klima oder die Welt sie um den Schlaf bringen.

Mancher wälzt sich unruhig hin und her,
ein Anderer liest ein Buch, der Nächste raucht noch eine
oder geht noch eine Runde um den Block.
Vielleicht trinkst du noch ein Bier oder Fünf
drehst dir noch eine Tüte, versuchst es mit Baldrian
oder vielleicht auch härteren Sachen?

Vielleicht liegst du mit halb geöffneten Augen
auf dem Sofa und versuchst
mit der gequirlten Scheiße die aus der Glotze strömt
dein Gedankenkreisen zu durchbrechen?

*Pffft*-Nachrichten
*Pffft*-Werbung
*Pffft*-Serie-Wiederholung
*Pffft*-Titten- RUF...MICH...AN!
*Pffft*-Homeshopping- UN-GLAUB-LICH
*Pffft*-Dokumentation-Hitler´s Helfer
*Pffft*-Titten
*Pffft*-Kochshow- Wiederholung
*Pffft*-Werbung
*Pffft*-Telefon-Gewinnspiel-nennen sie 5 deutsche Städte mit jeweils nur 4 Buchstaben!
*Pffft*-...und wenn sie JETZT bestellen...
*Pffft*-Sportkanal. Billiard oder Darts
*Pffft*-Belanglose Musikvideos

...gefangen in einem Strudel aus Worten und Bildern
Tönen und überflüssigen Informationen
kann dein Gehirn keinen Inhalt mehr klar erfassen
und kommt doch nicht zur Ruhe.

Und so schaltest du weiter, alle Kanäle
hoch und wieder zurück.
Oh- schon 5 Uhr!
Frühstücksfernsehen hat schon angefangen
und ein weiterer, schlaftrunkener Tag
kratzt mit langen Fingernägeln an deine Tür.

Aus der Schwärze der Nacht
kurz bevor das Tageslicht die Sterne tötet
sende ich euch Grüße und meine Gedanken.
Euch, denen die Nacht das Leben zur Hölle macht
Denen die Nacht keinen Schlaf gönnt.
Euch, deren Leben die Nacht ausfüllt
Denen die Nacht das Leben aushöhlt.







Donnerstag, 24. November 2016

Ostern aufm Dorf oder auch:Tagebuch einer Apokalypse

Für Charly.
Danke für die Inspiration!

Ostern aufm Dorf
oder auch:
Tagebuch einer Apokalypse

Donnerstag

Ich schreibe diese Zeilen in der Hoffnung, das die Nachwelt aus diesen Aufzeichnungen lernt und eine bessere Zukunft formt, sofern es eine Zukunft geben mag. Der Ausnahmezustand ist keine diffuse Bedrohung am Horizont, er ist Gewissheit, so unvermeidlich wie auf jede Nacht ein neuer Tag folgt.
Heute habe ich ein letztes Mal Gelegenheit gehabt meine Vorräte aufzufüllen, inmitten panisch umherlaufender Menschenmassen gelang es mir das Notwendigste zu organisieren: Wasser, Nahrungsmittel, Batterien, Medikamente, Bücher, Brett- und Kartenspiele, DVDs.
Die anderen Leute in meinem Dorf verhalten sich wie eine unruhige Herde von Schafen, alle wuseln hin und her in der vagen Ahnung das etwas Furchtbares passieren könnte.
Ich weiß nicht ob es mir gelingen wird mich und meine Lieben in den nächsten Tagen vor Übergriffen zu schützen. Wem auch immer diese Aufzeichnungen in die Hände fallen- die Menschheit muss erfahren was hier vor sich ging.

Möge Gott meiner armen Seele gnädig sein.

Karfreitag

So beginnt es also, an einem grauen, kalten Morgen im April. Die Straßen sind entvölkert, alle Geschäfte verriegelt und verrammelt, ein eisiger Wind pfeift durch unser Dorf und kriecht in jeden Türspalt, jede Fuge, jede Ritze. Nach einer unruhigen Nacht nehme ich mit meiner Familie ein karges Frühstück ein, immer darauf bedacht den Fenstern nicht zu nahe zu kommen.
Ich kann schon hören wie die ersten Verzweifelten unter meinem Fenster entlang schlurfen Richtung Dorfkirche, in verbitterter Hoffnung auf etwas Gesellschaft und Zerstreuung. Ich falle nicht auf die Kirchenglocken herein, der Rausch der Gemeinschaft währt nur kurz und nur allzu schnell findet man sich in den Fängen verzweifelter Frührentner wieder, welche dich in ihre Wohnung zerren um dich mit stundenlangen Diavorträgen über ihren letzten Urlaub in Kleinwölferode bei pappigem Gebäck und dünnen Kaffee in den Wahnsinn zu treiben.
Nein, meine Familie muss unter sich bleiben- ich habe alle Handys ausgeschaltet und im Tresor weggeschlossen, den Router abgeklemmt, die Haustürklingel ebenso. Ich brauche keine Anrufe von alten Klassenkameraden, entfernten Verwandten oder den Schwiegereltern, schlimmer noch: spontane Besuche! Wir können es uns nicht erlauben unsere Vorräte mehr als nötig zu strapazieren.
Trotzdem passieren immer wieder Zwischenfälle- ich habe heute versehentlich den Fernseher eingeschaltet! Das Programm war so beschissen das ich nur schwer dem Drang widerstehen konnte mir meine Augen mit Domestos auszuwaschen.
Gerade unsere Kleine hat es besonders schwer. Nach fünf Runden MauMau und zwei Partien Monopoly blickt sie mich mit großen, traurigen Augen an und fragt mich:" Papa, wann darf ich wieder nach draußen?". Ich drücke sie fest an mich. "Schon bald mein Schatz, schon bald!", flüstere ich während ich versuche nicht zu weinen.

Karsamstag

Ohrenbetäubender Lärm von draußen reißt mich aus dem Schlaf!
Ich erkenne viele Menschen auf der Strasse, doch ich sehe keine Gelassenheit in ihren Gesichtern, keine Freude, keine Zufriedenheit. Statt dessen sehe ich panischen Konsumwahn, leuchtend in verzerrten Gesichtern. Omas verkeilen sich ineinander um sich gegenseitig zu Tode zu labern, entnervte Eltern ziehen ihre missratene, flennende Brut hinter sich her:" ICH WILL ABER JETZT DEN SCHOKOHASEN!!!"
Unbarmherzig wandert der der Sekundenzeiger weiter Richtung 13 Uhr- Ladenschluss. Wer bis jetzt seinen Osterkrempel nicht beisammen hat stürzt in tiefe Depression. Vereinzelt krallen sich Hände an geschlossene Ladentüren oder bollern gegen Fenster.
"Bitte! Ich brauche doch nur Farbe um unsere Ostereier anzumalen, bitteeeeeeee!"
Die Schreie verhallen ungehört.
Während der Tag sich dem Ende neigt wird uns zunehmend die Ausweglosigkeit unserer Situation bewusst, erste Ausfallerscheinungen zeigen sich. So sah ich heute meine Frau neben dem Radio kauern, sich selbst im Schneidersitz vor- und zurück wiegend, feine Blutrinnsale traten aus ihren Ohren. Aus dem Radio plärren:"Die Hits der 80er und 90er, und das Beste von Heute!", pervers auf 3 Minuten zusammengekürzte, bedeutungslose Klanghäppchen, daneben meine Frau: gefangen zwischen infantilem Wahn und trostloser Hoffnungslosigkeit.

Ostersonntag

Die Temperaturen sind über Nacht unter Null Grad gesunken.
Voller Bedauern denke ich an all die kleinen Kinderhände, die sich heute in ihren Gärten durch festgefrorene Böden wühlen müssen auf der Suche nach Eiern und Süßigkeiten. Für unsere Tochter haben wir vorgesorgt, es gibt Bio-Eier aus ökologischer Freilandhaltung, sowie vegane Hirse-Hafer Kekse- wir wollen uns, ebenso wie ihr, den Zuckerschock ersparen, welchem heute allzu Viele zum Opfer fallen.
Mit meinem Feldstecher beobachte ich das Treiben auf dem Spielplatz im Park, dort tun sich Abgründe auf. Muttis tragen trotz der Kälte ihr schönstes Sonntagskleid zur Schau, Papis ihr tapferstes Sonntagsgesicht. Ihre verzerrt grinsenden Gesichter erinnern mich unwillkürlich an Batmans Erzfeind- den Joker.
Eine Horde Kinder, offensichtlich schwer auf Zucker, führt sich auf als wäre sie ein Rudel Rottweiler auf Chrystal Meth. Ich kann keine einzelnen Kinder erkennen, nur verwaschene Umrisse und die Kondensstreifen, welche sie hinter sich herziehen, so schnell bewegen sie sich! Hören kann man sie umso besser, selbst auf diese Entfernung.
Meine Tochter probt den Aufstand, meint, wenn sie noch ein einziges Mal Uno oder Mensch ärgere dich nicht spielen muss flippt sie aus.
Schätze es ist Zeit das die Spielkonsole zum Einsatz kommt.

Ostersonntag- Nachtrag

Der größte anzunehmende Unfall ist eingetreten: der Fernseher ist kaputt, Spielkonsole und DVD-Player somit unbrauchbar!
Es war alleine meine Schuld und nun weiß ich auch warum die Nintendo Wii Controller eine Handgelenk-Schlaufe haben.
Mein Gott- was habe ich getan?

Ostermontag

Durchhalten!
Unbedingt durchhalten!
Kein anderer Gedanke dominiert mein Gehirn. Muss mich immer wieder zur Vernunft ermahnen, hatte heute schon mehrfach die Haustürklinke in der Hand!
Draußen herrscht allumfassender Verfall. Die Infektion durch Langeweile und Tristesse greift weiter um sich, Während ein Großteil der Menschen lethargisch auf Parkbänken kauert und mit leerem Blick Tauben und fette Enten mit übrig gebliebenen Osterkeksen füttert, beginnen vereinzelte Mütter euphorisch durch die Straßen zu rennen und fallen jeden an, der sich nicht sofort in ihrer Gegenwart tot stellt.Väter vergießen bittere Tränen weil ihr Stammtisch dieses Wochenende ausgefallen ist, währen die Kinder prahlend von Haus zu Haus ziehen um herauszufinden, wer denn am meisten geschenkt bekommen hat.
Meine Familie ist mit ihren Kräften am Ende! Meine Tochter drückt ihren zerfransten Teddy fest an sich während die unter Tränen immer wieder den kaputten Fernseher streichelt. Dem Teddy fehlen beide Beine, Füllwatte quillt aus den Öffnungen, Seltsam, ich bin mir sicher das die Beine gestern noch dran waren.
Meine Frau liest mit tiefliegenden Augen mittlerweile zum fünften Mal die gleiche Ausgabe der Bild der Frau, welche sie irgendwo in unserer Wohnung fand. Zu etwas Anspruchsvollerem fehlen ihr die Kraft und die Konzentration, die Fingernägel an beiden Händen hat sie schmerzhaft kurz abgekaut.
Ich selbst habe zunehmend mit Realitätsverlust zu kämpfen! Obwohl das Radio ausgeschaltet ist höre ich eine Melodie in Endlosschleife meine Ohren malträtieren:

DÖP DÖP DÖP DÖDÖDÖP DÖP DÖP - DÖ DÖP DÖP DÖP DÖDÖDÖP DÖP DÖP

Das Schreiben fällt mir zunehmend schwer, kann mich nicht mehr konzentrieren.
Muss.....stark....bleiben
Muss ww....weiter...schr...

Ostermontag- 23:58 Uhr

Wir sitzen im Schneidersitz auf dem Boden und halten uns an den Händen, in unserer Mitte brennt eine Kerze, eine Digitaluhr steht daneben. 23:59 Uhr, es ist fast vollbracht. Wir schweigen, schließen unsere Augen, halten den Atem an und senden ein Stoßgebet gen Himmel.
Mitternacht- willkommen, Normalität!
Wie liegen uns in den Armen, lachen und weinen zugleich.
Endlich wieder Schule! Endlich wieder Unterricht zwischen grenzdebilen Mitschülern und überforderten, desillusionierten Lehrern!
Endlich auf überfüllten Straßen während der Rush Hour wieder andere Autofahrer anpöbeln!
Sich endlich wieder auf der Arbeit mit unzufriedenen Kunden und ätzenden Vorgesetzten rumschlagen!
Endlich wird man wieder in überfüllten Supermärkten von gestressten Mitmenschen angerempelt!
Endlich wieder Zeitungen mit schlechten Nachrichten und Rechnungen im Postkasten!
Endlich wieder Daily Soaps gucken, blöde Sprüche per WhatsApp verschicken und sinnlose Posts auf Facebook lesen.
Endlich wieder Wecker stellen und früh aufstehen!

Der Alltag hat uns wieder!
Gott sei dank!


Donnerstag, 17. November 2016

#FrauenfeindlicherSexist

#FrauenfeindlicherSexist

Bin unterwegs. Außerhalb. Lese etwa 100 Leuten etwas vor. Open Stage-wer will, der darf und macht, was er will- zehn Minuten lang. Einige singen. Spielen Gitarre. Ich lese.
Text handelt von Gutscheinen, deren Vor- und Nachteilen. Überspitzt. Satirisch. Albern.
Funktioniert! Leute lachen. Bin zufrieden. Lächle.
Text wird im letzten Drittel zunehmend ordinär. Will Reaktionen provozieren. Schwadroniere über einen "Blowjob-Gutschein". Nehme im nächsten Satz die Männer auf´s Korn.
Spitze den Text weiter zu. Fertig!
Ich höre Applaus. Höre Lachen. Irgendwer ruft "Buuuuh!". Kann es nicht lokalisieren.
Verlasse die Bühne. Genieße den Endorphinkick. Hole mir eine Cola und setze mich.
Frau spricht mich an. Will nachher in Ruhe mit mir Reden. Erkenne die Frau. Ist vor mir aufgetreten. Singer- / Songwriter. Authentisch, wütend, regelrecht zornige Texte. Gitarre war verstimmt.
Tut mir leid für sie.

Später

Auf der Bühne ist Pause. Stehe rauchend draußen. Frau kommt auf mich zu. Könnte 18 aber auch 28 sein. Kann ich nicht einschätzen. Löchrige schwarze Leggings unter kurzem Jeansrock. Armeestiefel. Schal, kariertes Flanellhemd. Nach rechts gescheitelter Pony, fixiert mit Haarspray, ebenso unverrückbar wie ihre Meinung.
"Dann schieß mal los", sage ich.
Sie fühle sich durch meinen Text angegriffen und persönlich herabgewürdigt.
Ich frage warum.
Sie sei Feministin.
"Ist ja nicht schlimm", sage ich.
Sie fühle sich persönlich verletzt.
Wundere mich.
Als ich über den Blowjob-Gutschein sprach, hätte ich damit das Bild vermittelt das Frauen nur für die Erbringung sexueller Dienstleistungen gut seien, und sonst für nix. Bin erstaunt.
"Provokation ist eine mächtige Waffe!", sage ich.
Sie holt weit aus. Sie sei Sozialpädagogin, lesbisch, habe kürzlich traumatische Erlebnisse mit Männern gehabt. Das tut mir aufrichtig leid. Frage mich trotzdem, was das mit mir zu tun hat.
Bombardiert mich mit Fachbegriffen aus Psychologie und Soziologie. Komme nicht zu Wort. Ich lächle. Ich höre zu. Ich nicke. Ich schaue ihr in die Augen.
Verstehe leider nur die Hälfte von dem was sie versucht mir zu vermitteln. Fühle mich herabgesetzt.
"Schon geil so eine Hochschulausbildung und ´n Studium! Da kommt mein Arbeiterklassengehirn leider nicht mit!", sage ich.
Sie sei vielseitig politisch engagiert, sagt sie. Bin der Überzeugung das das stimmt. Fängt an Vereine, Verbände und Initiativen aufzuzählen. Die Begriffe sagen mir nichts. Lasse es sie wissen.
"Vielleicht liegt es daran das ich ein Stadtkind bin", sagt sie.
"Und ich bin ein Dorfnerd!", sage ich.
Kurze Pause. Darf wohl sprechen.
Erkläre, das ich in meinem Job als Altenpfleger auf einer Demenzstation in den letzten 20 Jahren ein hohes Maß an Empathie entwickelt habe, der Frauenanteil in meinem Job 90% beträgt und es nicht meine Absicht war, die Frauen im Allgemeinen oder Sie im speziellen anzugreifen oder herabzuwürdigen.
Entschuldige mich. Meine es aufrichtig.
Erkläre, es gehe mir nur um das Erzeugen einer Reaktion, und unser Gespräch beweise meinen Erfolg.
"Jeder, der eine Bühne betritt, will doch eine Reaktion.", sage ich.
Nein, das wolle sie nicht, für sie sei das Singen ihrer Songs vor Publikum Therapie. Ich schweige. Ich nicke. Denke trotzdem ,das sie die Zeit auf der Bühne genießt und sie das "Rampensau"-Gen in sich trägt. Verstehe nicht, warum sie nicht dazu stehen kann.
Gespräch läuft aus, wie ein Reifen der Luft verliert. Sprechen den Rest des Abends nicht mehr miteinander.
Hält mich vermutlich für blöde, ungebildet und ignorant.
Mir egal.
Sollte mir egal sein.

Zwei Tage später

Ist mir NICHT egal, verdammt nochmal!
Sitze in einem Cafe. Denke nach. Schreibe diesen Text in meinen karierten College-Block. Lasse den stakkatoartigen Erzählstil fallen.

Mir wurde in meinem Leben schon viel angedichtet und an den Kopp geschmissen. Frauenverachtender Sexist ist neu!
Einige der wichtigsten Menschen in meinem Leben sind und waren Frauen:
Meine liebevolle Großmutter, bei welcher ich viele schöne Jahre meiner Kindheit verbracht habe.
Meine Mutter, ein starker und standhafter Mensch, der seine Kinder über lange Jahre alleine durchbringen musste.
Meine Grundschullehrerin, die mich immer bestärkt und ermutigt hat, und wenn ich noch so nervtötend war.
Meine große Schwester die mich lehrte: ja, es ist okay sich zu wehren, auch gegen Mädchen/Frauen.
Meine Ehefrau, die mich liebt OBWOHL sie alle meine Schrullen und Fehler kennt, mit der ich seit über 20 Jahren durch gute Zeiten und tiefe Täler wandere.
Meine Tochter, die mir mit ihrer nervösen Energie manchmal die letzte Geduld raubt, welche ich aber trotzdem abgöttisch liebe.
Ich bin mir bewußt das Frauen jahrhundertelang unterdrückt wurden, von der Kirche, angestaubten gesellschaftlichen Ansichten, engstirnigen Geschlechterklischees. Liebe Frauen- ich nehme Anteil und finde es furchtbar das ihr all dies durchleben musstet. Trotzdem muss ich euch fragen:

Was hat das mit mir zu tun?

Klar, ich bin ein Mann, aber daraus zu schließen ich sei ein tyrannisches und frauenverachtendes Arschloch ist ebenso absurd wie die Behauptung, alle Flüchtlinge seien Terroristen oder alle Deutschen automatisch Nazis. Ich bin für Gleichberechtigung- gleiche Löhne, gleiche Chancen, gleiches Recht für alle. Das heißt für mich: wir treffen uns auf Augenhöhe, keiner steht über dem Anderen.
Kein Oben.
Kein Unten.
Nur ein Gegenüber.
Gegenseitige Achtung und Respekt und die Gelassenheit, einfach mal zu lachen wenn man auf die Schippe genommen wird. Eben nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen.
Emazipation heißt nicht für mich:
"Oh Frau, du gottähnliches Wesen, laß mich dich auf einen Altar heben und den Boden auf dem du schreitest anbeten. Ich werde alles verleugnen was ich bin, meine Gedanken, meine Biologie, meine Gefühle, meine Hormone, meine Meinung. Ich werde mich auf ewig schmutzig, minderwertig und klein fühlen weil ich als Mann geboren wurde und du mir gezeigt hast, wie abgrundtief verwerflich das ist. Im Hier und Heute will ich auf ewig Buße tun für all die tausend Jahre Unterdrückung, die du und deinesgleichen erdulden mussten. Verzeih mir, das ich existiere!"

Nein! Ich will euch auf Augenhöhe begegnen, keine Umkehrung der Vergangenheit, keiner steht über dem Anderen.
Es bekümmert mich, macht mich traurig und zornig, das so viele Frauen Opfer von Gewalt und Mißbrauch durch Männerhand werden. Das ekelt mich an! Ich fühle mit euch. Doch in erster Linie sind die Täter nicht "typisch Mann", sondern Arschlöcher mit Y-Chromosom, und Arschlöcher gibt es leider überall, seien es Männer, Frauen, Jugendliche oder sonstwas.
Bitte verliert nicht die Hoffung in alle anderen Männer da draussen wenn ein männliches Arschloch euch auf abscheuliche Weise behandelt hat. Stempelt mich nicht als frauenverachtenden Sexisten ab weil in einem absurden Text eine Situation überspitzt dargestellt habe.
Stempelt mich nicht ab, nur weil ich ein Mann bin.

Denn ihr wisst ja- jemanden aufgrund seines Geschlechtes zu diskriminieren, das ist Sexismus!

















Mittwoch, 26. Oktober 2016

Ein Nerd zu sein

Hallo Leute,

ich habe echt keine Ahnung warum die Reimform/Das Gedicht mich momentan so dermaßen anzieht...

Anyway, hier ein autobiographischer Text(leider)

Ein Nerd zu sein


Heute ist es stylisch, hip und wirklich cool ein Nerd zu sein
Alle kennen Big Bang Theory und schalten Montags ein
Niemand glotzt heut mehr wenn Mario auf deinem T-Shirt prangt
Nerdkultur ist mittlerweile schon im Mainstream angelangt.
Doch vor etwa 35 Jahren sah das alles anders aus
Kommt, und folgt mir in die Tardis und dann findet ihr´s heraus!

Ich was 6 und meine Eltern haben draußen grad´ gegrillt
Ich war drin, hab beim Decathlon meinen ersten Controller gekillt
"Raus mit dir! Ab auf den Bolzplatz! Der Atari bleibt jetzt aus!"
An dem Kragen, mit ´nem Arschtritt ging´s für mich die Tür hinaus.
Zum Bolzplatz ging ich regelmäßig hin- und dran vorbei
Denn nur ein paar Meter weiter lag die alte Bücherei.
Sollen die Ander´n sich ruhig gegenseitig in die Knochen treten
Bücher führten mich derweil weit weg auf ferne, fremde Planeten.
Ohne Sport kam schnell die Plauze und der Spott kam von allein.
"Fettsack","Träumer","Bücherwurm"- es war nicht leicht ein Nerd zu sein.

Heute ist es stylisch, hip und wirklich cool ein Nerd zu sein
Alle haben ´ne Konsole oder Zwei bei sich daheim.
Meine Helden sind dank Marvel schon im Kino angelangt
Heute ist schon lange Mainstream was ich immer super fand
Doch vor 30 Jahren sah das alles wirklich anders aus.
Ich bin jetzt für euch McFly-kommt und findet es heraus.

Ich war 10, ging nicht gern raus aber in´s Kino ging ich oft
Denn die Macht, sie war mit mit- und sie ist es immernoch!
Als der Commodore 64 Einzug hielt im Haus
war´n die Eltern angepisst denn ich ging wirklich nicht mehr raus!
Zockte Kaiser, ZakMcCraken, Teacherbusters und noch mehr
Auf dem Schulhof zogen all die "coolen" Kids über mich her!
Nannten mich verächtlich "Dicken", ham mich lächerlich gemacht
Aber Batman, Hulk und X-Men haben mich niemals ausgelacht.
Meine Comics halfen mir die dummen Sprüche zu ertragen
Nerd zu sein hieß automatisch auch ein dickes Fell zu haben.

Heute ist es stylisch, hip und wirklich cool ein Nerd zu sein
Und fast jeder kennt den schönen Satz :"Du kannst nicht vorbei!"
Alle kennen Herr der Ringe, Frodo, Gandalf und auch Sam
Posten Selfies in Kostümen hemmungslos auf Instagram.
Doch vor 25 Jahren sah das alles anders aus
Kommt mit in die Zeitmaschine und dann findet ihr´s heraus!

Ich war 15 und das Wrestling kam in meine kleine Welt
Macho Man und Undertaker, doch der "Hitman" war mein Held
In der Schule gab es Häme :"Mann, das ist doch gar nicht echt!"
"Warum guckst du so ´ne Scheiße?" ,stutzten alle mich zurecht.
War schon klar das alles Show war, doch das war mir echt egal.
Denn ich war schwer fasziniert und die Begeisterung real.
Trotzdem hab ich mich geschämt, hab niemandem etwas gesagt.
Traf dann einen Gleichgesinnten und der hat mich dann gefragt:
"Alter guckst du etwa Wrestling? Denn ich fahr da voll drauf ab!"
Mit dem gucke ich noch heute und bin froh, das ich ihn hab!

Heute ist es stylisch, hip und wirklich cool ein Nerd zu sein
Allen kennen Akte X und sagen "Wir sind nicht allein!"
Keiner wird blöd angemacht wenn er sich Rollenspieler nennt
Weil heut echt die ganze Welt das Spielchen "World of Warcraft" kennt.
Doch vor 20 Jahren sah das alles echt mal anders aus
Steigt mit mir in den Time Tunnel, folgt mir nach und findet´s raus!

Ich war 20 und ich spielte leidenschaftlich DSA
14-tägig mit den Kumpels und das fand ich wunderbar.
Waren Helden, schlugen Drachen, fanden Schätze- das war´n wir!
War´n mit Würfeln nur bewaffnet, Stiften, Regeln und Papier.
Uns´re allergrößte Waffe war stets uns´re Phantasie
Langeweile war ein Fremdwort und die gab es bei uns nie!
Manchmal spielten wir auch draußen, andre waren irritiert
wenn sie uns beim Zocken sahen ham sie´s alle nicht kapiert.
Ham gelootet und gelevelt, lange schon vor WOW
Waren Prinzen, waren Krieger und das ganz ohne PC!

Heute ist es stylisch, hip und wirklich cool ein Nerd zu sein
Doch das war nicht immer so, und oft da fühlt´ich mich allein
Habt auf mich herabgesehen denn ich war nicht so wie ihr!
Jetzt gehören wir dazu und ganz viele sind wie wir!
Heut muss ich mich nicht mehr schämen, und ich brülle es hinaus!
"Seht ruhig her, ich bin ein Nerd-jawoll! Und darauf bin ich stolz!"


...und schließen möchte ich mit einem passenden Zitat eines bekannten Wissenschaftlers:

"Nerds sind die besseren Küsser! Nerds sind auch die besseren Liebhaber- sie sind nämlich viel, viel dankbarer!"-Dr. Leonard Hoffstaetter ;-)

Live long and prosper!







Samstag, 15. Oktober 2016

Deutschland-Land der Dichten und Trinker

Hallo Leute,

eigentlich sollte folgender Text ein Loblied auf all die tollen Errungenschaften unseres Landes werden. Nun ja, der Text wurde... etwas ganz anderes. Enjoy!

Deutschland- Land der Dichten und Trinker

Wir sollten...nein, das isses nicht!
Wir dürfen... nee, auch nicht richtig.
Wir MÜSSEN stolz sein!

Stolz auf all unsere kulturellen Errungenschaften! Was hat dieses schöne Land über die Jahrhunderte nicht hervorgebracht? Egal in welche Bereiche man auch schaut, ein paar Teilnehmer hat Deutschland immer in den Top 5, es gibt so viele zu nennen: Goethe, Schiller, Nietzsche, Kant, Beethoven, Richard Wagner, Albert Einstein, Jean Pütz, Peter Lustig, Helene Fischer, Modern Talking, Scooter, Harald Glööckler...ganz. ganz viele Gründe um stolz zu sein, oder?
Und erst unsere soziokulturellen Errungenschaften! Die Berliner Funkausstellung, die Loveparade, Rock am Ring, Schützenfeste, Vatertagsausflüge, Flatrate-Partys, Kölner Karneval, Maitouren, das Oktoberfest, da merkt man doch richtig wie einem vor Stolz die Brust schwillt und man ein paar Zentimeter größer wird, nicht wahr?

Trotzdem gelten wir Deutschen im internationalen Vergleich noch immer als korrekt, pünktlich, spießig und absolut humorbefreit:"Deutsche gehen zum lachen in den Keller"- was für eine unverschämte Unterstellung! Vor dem Lachen machen wir Deutschen uns erstmal ein feines Bierchen auf und sparen uns den Weg in den Keller...es sei denn das Bier lagert dort, dann gehen wir ERST in den Keller, holen das Bier, trinken es und lachen DANN!
Mal ein oder zwei Bierchen in gemütlicher Runde mit Freunden, was ist denn schon dabei? Ja gar nix! Also, wenn man mal die mehreren tausend Toten jährlich als direkte oder indirekte Folge exzessiven Alkoholkonsums oder jahrzehntelanger Alkoholsucht mal ausklammert. Das ist völlig in Ordnung, ich will auch gar nicht den Moralapostel spielen, Alkohol ist hierzulande ja auch eine gesellschaftlich akzeptierte Droge...Entschuldigung, ich meinte natürlich ein Genußmittel! Und einige der größten Denker und Künstler dieser Welt waren Säufer: Novalis, Ernest Hemmingway, Charley Bukowski, Frank Sinatra, Harald Juhnke, David Hasselhoff... Also wenn aus dem Feierabendbier irgendwann das Feierabend-Sixpack wird:keine Sorge, sie sind in guter Gesellschaft!

Gerade hier in Grenznähe zu den Niederlanden kann man immer wieder beobachten: die Kiffer sind doch viel, viel schlimmer! Die muss man sich mal angucken mit ihren roten, trüben Augen, den verlangsamten Bewegungsabläufen, trockenen Mündern, den knisternden Süßigkeitenpapierchen in den Taschen, ihren Kopfsocken und Jutebeuteln. Die lachen doch echt mal über JEDEN Scheiß, und wenn man nicht aufpasst fressen die einem auch noch den Kühlschrank leer!
Und dann immer dieses Geseier: "Auf Gras ist alles viel intensiver!". Sex auf Gras-viel intensiver! Musik hören- viel intensiver! Spongebob gucken- viel intensiver! Steuererklärung schreiben- viiiiiel intensiver! Unterhalten sie sich mal ausgiebig mit einem Kiffer und sie werden schnell feststellen: Kiffer verfechten ihre Droge viel mehr als es Säufer tun! Säufer rennen nicht durch die Gegend und versuchen Alles und Jeden vom Alk zu überzeugen. Nun gut, die versuchen ihnen eventuell in der Kneipe mal einen Drink aufzuschwatzen, aber für die ist das ein Ausdruck von Gemütlichkeit und Geselligkeit, kein Kreuzzug!

Kiffer sind da ja ganz anders, für die ist Cannabis keine Droge, sondern eine Naturarznei mit breitem Wirkungsspektrum, die völlig zu Unrecht von der Regierung und er Pharmaindustrie verteufelt wird, und die einzigen Hanftoten in Deutschland seien diejenigen, die sich mit einem Hanfseil erhängt hätten, Nun gut, langfristig kann Cannabis zwar in Einzelfällen zu psychischer Abhängigkeit führen und Psychosen auslösen, aber dann fallen all die Menschen die sich wegen ihrer Pyschosen von irgendwelchen Dächern stürzen nicht nur aus dem Leben, sondern auch aus der Statistik!
Das nächste Mal wenn ein Kiffer sie über die medizinischen Vorzüge von Cannabis aufklären will, fragen sie einfach mal:

"Es mach aber schon noch high, oder?"

"Ja schon, aber das ist ja nicht der springende Punkt!"

Ach so! High werden ist beim Kiffen also NICHT der springende Punkt! Na dann: Wenn ich ehrenamtlich tätig werden möchte brauche ich nicht bei der Tafel, einer Suppenküche für Obdachlose oder in einem Hospiz arbeiten, dann gehe ich in einen Coffeshop! Da müssten dann ja nur schwerstkranke Menschen sitzen, Krebspatienten, HIV-Positive, Anorektiker, Menschen mit MS, mein Gott- Coffeeshops müssen ja richtige Siechenhäuser sein!
Aber ich will jetzt nicht die ganze Zeit auf den Kiffern rumhacken, die haben ja auch ihre guten Seiten!
Wenn in Bundesligastadien Joints statt Bier ausgegeben würden hätte sich die gesamte Hooligan-Problematik von selbst erledigt, prügeln wäre denen dann viel zu anstrengend! Stellen sie sich mal die Stimmung in einem solchen Fußballstadion vor, zum Beispiel in Gelsenkirchen: es ist ausverkauft, 60.000 Menschen im Stadion, die eine Hälfte brüllt:"Schaaaaaaalke" , die andere Hälfte antwortet "Irie, maaaaaaan!"
Oder man stelle sich mal das Müchener Oktoberfest vor, die "grüne Wiesn". Brechend volle Bierzelte- nein, BONGzelte angefüllt mit jungen, komplett dichten Gestalten! Der Trachtenwahn hätte ein Ende, Dreadlocks und Dirndl in den jamaikanischen Nationalfarben überall! Die Blaskapelle auf der Bühne gibt alles:"Auf und nieder, immer wieder.." und die Leute so:"Boh, Alter, jetzt streß hier mal nicht rum..."

Das Prinzip lässt sich auf viele Situationen anwenden, zum Beispiel auch hier auf diesem Poetry Slam! Seid doch mal so gut und helft mir mit: jeder, der ein alkoholisches Getränk in der Hand oder vor sich auf dem Tisch hat hebt jetzt bitte mal die Hand...
Okay, und jetzt stellen wir uns mal vor all diese Leute hätten statt einem Drink einen Joint in der Hand...

Was wäre anders an diesem Abend?

1) Ich könnte eure Handzeichen gar nicht sehen
2)Der Slam wäre für euch viiiiiel intensiver, auf Gras ist ja alles intensiver
3)15 % von euch wären jetzt schon kurz vor´m einpennen
4)Weitere 15% könnten den heutigen Beiträgen inhaltlich gar nicht mehr folgen
5)Die Snacks wären schon aus
6)Der Abend käme euch insgesamt viel länger vor
Und last but not least 7) Ihr würdet mir alle für diesen Text 10 Punkte geben, weil ihr euch so gut damit identifizieren könnt.


....verdammt, warum seid ihr jetzt nicht alle high?


Montag, 10. Oktober 2016

Sie (aus aktuellem Anlass)

Sie

Wann es mit ihr anfing?
Das weißt du nicht mehr so genau.
Du kannst dich aber noch erinnern-
du hast auf Andere herabgeblickt,
wenn sie mit ihr zu tun hatten.

Du hast diese Menschen verachtet
und konntest nicht verstehen
wie ein Mensch so tief sinken
und ihr verfallen kann.
Und trotzdem
schlich sie sich an
langsam und heimlich
und kam dir ganz nah.

Unbekümmert warst du
und ganz unbesorgt.
Hast nicht einen Gedanken an sie verschwendet.
Und falls doch, dachtest du nur:
"Sie und ich? Das wird bestimmt niemals passieren!"
Und trotzdem
schlich sie sich an
und ohne es zu merken
öffnetest du ihr Tür und Tor

Sie ist nicht gerade besonders schön
eher unauffällig und kaum zu bemerken.
Doch Tag um Tag
und Jahr um Jahr
hattest du immer ein wenig mehr mit ihr zu tun.
Sie umwirbt dich, sie betört dich.
Sie hofiert und sie verführt dich,
penetriert dich und durchdringt dich.
Wärmt und schützt und dominiert dich!

Wie war das noch?
Dein Leben, bevor sie kam um es an sich zu reißen?
Wie durch einen Schleier, schemenhaft und grau
ahnst du, das Alles einmal anders war, doch du erinnerst dich
nicht genau...nicht genau...nicht genau.
Denn irgendwann
schlich sie sich an
und bevor du reagiertest
hatte sie dich schon im Griff
Sie bezirzt dich, sie belügt dich,
macht dich geil und stimuliert dich.
Verspricht dir alles, lullt dich ein.
Will dich ganz für sich allein!

Heute ist nichts mehr wichtig
Außer ihr!
Du lebst nur um ihr zu dienen und
alle, die sich nicht von dir abwandten
hast du selber von dir gestoßen!
Denn heute
muss sie nicht mehr schleichen
Sie ist ja schon bei dir
und lügen, leugnen und verstecken heißt nun das Spiel!
Sie flankiert dich, presst dich an sich
lange Glieder, sie umfangen dich.
Sie benutzt dich, sie beraubt dich.
Macht dich mundtot und betäubt dich!

Einen Job hast du schon lang nicht mehr.
Er war dir auch nicht wichtiger
als all die Menschen die dich von ihr trennen wollten.
Nur das Geld ist noch von Bedeutung
damit du weiter ihren Hunger stillst.
Denn jetzt
bist du ganz klein in ihrem Schoß
der dich wärmt und schützt
Und alles,ALLES, von dir fern hält
Sie liebkost dich, spült die Angst fort
Weiß auf alles eine Antwort
Lässt dir keinen Platz für Zweifel
und wird jede Flucht vereiteln.

Zuckend, sabbernd, entmenschlicht grunzend
Wälzt du dich auf dem Boden
Und deine trüben, weiten Pupillen blicken auf
verschlossene Türen und fensterlose Wände.
Sie wollen sie dir austreiben!
Doch was sie auch tun
Du sagst niemals ihren Namen...niemals ihren Namen...niemals ihren Namen..
Denn sie foltert und sie quält dich
Ist mit dir noch lang nicht fertig
Hörst ihre Stimme innerlich:
"DU BIST GAR NICHTS OHNE MICH!!!"

Manchmal kommt sie in Tabletten,
in bunten Flaschen, groß und klein
mal als Pulver, mal als Puder
oder Kapseln, bunt und fein.
Mal in Spritzen, mal in Bröseln
fein in Tabak eingedreht
In den Magen, in die Vene
Wirst du komplett auf Links gedreht
Und so lange du sie hast, oder sie dich , wer weiß das schon?
Ist jedes Angebot auf Hilfe weiter nichts als blanker Hohn.
Denn sie können nicht verstehen wie es ist bei IHR zu sein
Sie bestimmt fortan dein Leben lässt dich niemals mehr allein.
Und so geht es munter weiter bis du irgendwann verreckst
und kein Mensch an deinem Grab steht denn du hast sie stets verschreckt.
Und SIE? Sie zieht dann weiter , und der Nächste wird verflucht
Sie ist häßlich, sie ist tückisch, sie ist grausam...

Sie ist die Sucht







Sonntag, 2. Oktober 2016

Sex, Drugs n´Rock n Roll sind ne Lüge

Hallo liebe Leute,

heute Mal ein Text der frei aus meinem Leben gegriffen ist. Vermutlich wird er für einen Poetry Slam ein wenig zu lang sein, aber wenn ihr eine Idee habt wo mann noch Kürzungen vornehmen kann, dann lasst es mich bitte wissen! Ansonsten gilt auch mal wieder hier:

der folgende Text basiert in Teilen auf wahren Begebenheiten.


Sex, Drugs n´Rock n Roll sind ne Lüge


"...war Sänger in ner Rocknroll-Band"....jaaaaa, bei Westernhagen klang das so cool und so authentisch. Ich wünschte es würde mir gleichermaßen cool und authentisch über die Lippen kommen, doch wenn ich diesen Satz von mir gebe bekomme ich meist als Antwort: "Ach echt?", oder auch "Siehste gar nicht nach aus.", manchmal sogar: "Ja, dann sing´ doch mal was!".

Seit rund zwanzig Jahren spiele ich E-Gitarre und singe in diversen Bands, meist mit  mäßigem Erfolg auf regionaler Ebene. Regional bedeutet: ich habe bestimmt schon alle Jugendzentren von Köln bis Essen gesehen, spielte auf Stadtfesten, in Freibädern und Kneipen, auf geilen Open Air Bühnen, in gutbürgerlichen Landgasthäusern oder auf irgendwelchen Kuhwiesen. An einigen Abenden haben meine Jungs und ich schon vor über tausend Menschen gespielt, an anderen Abenden standen mehr Menschen auf der Bühne als davor.
So macher wird jetzt denken:"Jawoll, ein Rockmusiker! Der hat bestimmt schon jede Menge Bitches flachgelegt und alles mögliche an Drogen durchgezogen!". Das mag vielleicht zutreffen wenn man Rolling Stones oder Metallica heißt, aber wenn man, so wie ich, mit seinen Jungs jahrelang über die Dörfer tingelt dann sind Sex, Drugs und Rock ´n Roll echt mal ´ne Lüge...naja, zumindest die ersten Zwei.

Sex...nein, bei mir gab´s keine zügellosen Gangbangs in irgendwelchen Tourbussen(dafür müsste man erstmal einen Tourbus haben- bei uns recht es ja noch nicht einmal zu einem Ford Transit) und auch keine heißen Blowjobs in irgendwelchen ranzigen Backstageräumen, in einem Zeitraum von zehn Jahren wurden uns ganze 2(!) BH´s auf die Bühne geworfen...und bei beiden BH`s wurde ich von den betreffenden Mädels nach dem Konzert darüber informiert das sie die BH´s auf dem Weg zur Altkeidersammlung extra für uns aufbewahrt und zum Konzert mtgebracht hätten. Wenn DAS mal keine Hingabe ist! Überhaupt ist der Frauenanteil auf unseren Konzerten eher gering, und WENN tatsächlich mal Frauen auftauchen sind sie meist in Begleitung ihres Lovers. Aber es gibt tatsächlich Ausnahmen...

Wir spielten ein Konzert in der Gorilla Bar, ein cooler Schuppen mit netten Leuten, jedoch hätten wir in einer Telefonzelle mehr Platz gehabt um unser Equipment aufzubauen. Fast das ganze Konzert über mussten der Gitarrist und der Bassist auf den schmalen Bänken direkt an der Wand beidseitig des Drumkits stehen, da sie sonst keinen Platz hatten(sah schon irre komisch aus, beschränkte ihre Bewegungsfreiheit aber auf das absolute Minimum). Schon als wir gegen 18 Uhr mit unserem Kram in den Laden kamen saß an der Theke bereits der erste Gast: eine kleine Frau(etwa 1,60m oder so), ich schätzte sie mitte dreissig, dauergewellte dunkle Haare, Brille, nicht direkt häßlich aber wenig charismatisch, und bereits zu diesem Zeitpunkt definitiv angetrunken. Die schwarze Bomberjacke und die abgetragenen Jeans schmeicheltem ihrem Körperbau nicht wirklich, aber für´s Erste wurden wir in Ruhe gelassen während wir aufbauten und Souncheck machten.
Im Laufe des Abend wurden die Kreise, welche sie um uns zog immer enger, nach und nach ging sie mit jedem Einzelnen von uns in´s Gespräch, während ihr Pegel zunehmend stieg. Ihren Namen habe ich glücklicherweise mittlerweile vergessen, aber von unserem ersten Gespräch weiß ich noch das ihr Kerl sie gerade verlassen habe und sie schon seit 14 Uhr "auffe Piste" sei und heute mal "richtig Party" machen wolle. Wie man an einem Freitag in einer mittelgroßen Stadt nachmittags schon "auffe Piste" sein konnte war mir zwar ein Rätsel, aber ich fragte nicht weiter nach.
Das Konzert war ordentlich besucht und wir hatten unseren Spaß, saufen war ja nicht drin da wir alle noch mit unseren Karren nach Hause fahren mussten(wie ich schon sagte-nix mit Tourbus). Jedenfalls waren wir gerade beim Abbauen als Bomberjacken-Biggi offensiver wurde und mich ansprach. "Kannste mich nich nach Hause fahren?", lallte sie, "Ich hab keine Kohle mehr für´n Taxi und die anderen Jungs haben wohl keinen Platz mehr im Auto frei". Ihre Fahne hätte sogar Harald Juhnke Respekt abgezollt! Offensichtlich hatte sie meine Jungs schon abgecheckt, somit war ich wohl die letzte Option. Fühlt sich schon irgendwie scheisse an zweite Wahl zu sein! Ich sah zu unserem Tontechniker Jan rüber und er grinste schief. Wir wollten zusammen nach Hause fahren und er schien keine Einwände gegen einen kleinen Abstecher zu haben. Nach kurzem Zwiegespräch stand der Entschluss fest: wir machen den Spaß jetzt einfach mal mit und bringen das Mädel nach Hause.

Bomberjacken-Biggi sorgte dafür das der Wagen schon nach wenigen Minuten roch wie ein Oktoberfestbierzelt nach zwölf Stunden und sie war in ihrem Redeschwall kaum zu bremsen. Vieles was sie von sich gab war schwer bis gar nicht zu verstehen, daß sie aber Mutter sei und ihre beiden Söhne heute bei Opa übernachten konnte man noch heraus hören. Immer wieder bestand sie darauf das wir zuerst Jan nach Hause fahren sollten, die Tatsache das wir dafür aber erst einmal sechtzig Kilometer zurücklegen müssten kam bei ihr nur seeeeeehr langsam an. "Wir könn´ihn doch wegbringen und dann penn´ich bei dir", schlug Bomberjacken-Biggi dann vor,"Dann nehm´ich morgn den Zug zurück...". Irgendwie konnten Jan und Ich sie von dieser Idee abbringen und ihr tatsächlich ihre Adresse abringen. Wir fuhren in einen vorgelagerten Stadtteil- dort gab es Platte brutal zu bewundern, wir hätten uns ebenso im Berliner Osten befinden können, ein Unterschied war nicht zu erkennen. Auf wackeligen Beinen stieg sie aus und forderte uns auf mitzukommen:"Ich mach euch noch´n Kaffee.". Seitenblick zu Jan-er grinste, also war es beschlossen.
Fünf Stockwerke höher betraten wir Bomberjacken-Biggies Wohnung, eine Beschreibung fällt mir schwer. Man kann jetzt nicht direkt Messie-Wohnung sagen, aber es hätte auch nicht allzuviel gefehlt. Sie eilte uns voraus uns verschloss noch schnell eine Tür bevor wir den Wohnraum betraten. "Das sieht hier nur so aus weil mein Kerl alles auf´n Kopp gestellt hat bevor er abgehauen is" meinte sie entschuldigend, ob dieses Ereignis aber Tage oder Wochen zurück lag konnte ich aus dem Rummel nicht ableiten. Aus der Küche kam ein schwaches "Kaffee habbich nich da, wollter n Cappucino?"."Ja klar, mach ruhig!" rief Jan fröhlich zurück während wir weiter das Chaos in der Bude begutachteten.
Haben sie schon einmal Instant-Cappucino getrunken,also dieses Pulver aus den kleinen Tütchen,welcher sich nicht richtig aufgelöst hat und mit lauwarmen Wasser aufgefüllt wurde? Ich schon, eben an jenem Abend-EKELHAFT!  Bomberjacken-Biggi steuerte nach dem servieren des zweifelhaften Getränks Richtung Badezimmer, zum "frischmachen" oder aber auch zum kotzen,wasauchimmer. Jan und ich begaben uns derweil auf den Balkon um eine zu dampfen. Die Aussicht auf die Lichter der Stadt war schon ziemlich cool während Jan und ich kopfschüttelnd Gedanken austauschten. "Ey guck ma, in dem Zimmer brennt noch Licht", sagte Jan zu mir und deutete auf das Fenster direkt neben dem Balkon, der Raum dessen Tür von Biggi so hastig geschlossen wurde. Völlig arglos sah ich hinüber...und sah dort ein Etagenbett an der Seitenwand eines Kinderzimmers stehen, in den Betten lagen zwei dunkelhaarige Jungen die noch keine zehn Jahre alt sein konnten, schlafend. Sofort warf ich meine Kippe weg, zerrte Jan am Arm in die Wohnung und trat wütend gegen die Badezimmertür während ich Bomberjacken-Biggi durch die verschlossene Tür wissen ließ was ich von ihr hielt. Danach- nix wie weg, kurz noch Name am Türschild abgelesen und Adresse notiert und ab nach Hause.
Montag morgen habe ich direkt das Jugendamt angerufen.... soviel also zum Thema "Sex"...

Drogen... dieses Schlagwort regt doch mit Sicherheit ihre Phantasie an, oder? LSD, Extasy, Speed, Marihuana, Koks direkt von den blanken Brüsten einer schönen und willigen Frau genossen...
Nein, da muß ich Sie leider enttäuschen, meine Venen, ebenso wie meine Nase, sind noch jungfräulich, wenn überhaupt haben wir mit der Band Kontakt zu dem Handwerker unter den Drogen: dem Alkohol- der einzige Rausch den man schichtweise hochziehen kann wie eine Backsteinmauer!
Gucken Sie jetzt nicht so enttäuscht, falls ich gerade Ihre Illusionen zerstöre und Sie es nicht mehr aushalten können verlassen Sie doch bitte den Raum!

Nachdem unser alter Bassist bei uns ausgestiegen war suchten wir über Monate verzweifelt einen Neuen- diese Typen sind echt mal rar gesät. Ein Bekannter riet mir es mal mit Frank zu versuchen, den kannte ich oberflächlich von anderen Bands, hatte aber seit Ewigkeiten nix mehr von dem gehört. Die nächsten Wochen zeigten mir wie sich wohl ein Stalker fühlen muß: gemeinsame Bekannte befragen, Adresse und Telefonnummer herausfinden, versuchen auf Facebook geaddet zu werden, Sie kennen das ja! Und nach Wochen penetranter Zermürbungstaktik hatte ich Frank endlich soweit: er wollte bei uns einsteigen! Halleluja! Das verlangte nach einem epischen Wilkommensritual, ich sagte den Jungs bescheid und ein paar Tage später trafen wir uns alle Mann bei mir.
Frank erschien als Letztes und sein erwartungsvoller Blick traf mich als ich ihm die Tür öffnete:" Willkommen in der Band!", sagte ich fröhlich und begleitete ihn in´s Wohnzimmer wo die Anderen schon auf ihn warteten. "Das muß gefeiert werden!", rief ich auf dem Weg in die Küche,"Bedien´dich, Plätzchen stehen auf dem Tisch, ich muss noch eben Kaffee kochen!"
Ja neee, nix mit Nutten und Koks und so, tut mir sehr leid!
"Dann ballern die sich bestimmt auf den Proben zu und erzählen sich gegenseitig ihre Drogenstorys", werden Sie jetzt sicher denken, das ist aber nicht ganz richtig. Klar tauschen wir Story´s aus, das klingt dann etwa so:"Boooh Alter, ich hab gestern soooo geil gefressen! Ich hab erstmal Champignons geputzt und kleingeschnitten, das gute Sesamöl genommen...", und während Rolf sein Rezept aufzählte tippten wir fleißig mit unseren Handys mit und hingen sabbernd an seinen Lippen.
Jawohl, DAS sind Bandrituale! Cholesterin statt Crack- das ist unser Motto!

Rock ´n Roll...ich meine das Gefühl, nicht die Musikrichtung! Was verbinden Sie mit dem Begriff? Kreischende Groupies, zerlegte Hotelzimmer, zertrümmerte Instrumente, auf der Bühne zur Schau gestellte Genitalien? Schnelle Autos, schnelle Frauen, schnelles Geld, schnell Leben und jung sterben? Hey sorry, in drei Jahren werde ich doppelt so alt sein wie Amy Winehouse und Kurt cobain geworden sind. Aber manchmal, selten zwar aber immerhin, kommt doch ein wenig Rock n´Roll durch...
Ich war 17 und hatte den dritten oder vierten Gig mit meiner damaligen Band "Kabelbruch", wir spielten als zweite Band auf einem Festival in der Aula eines Gymnasiums. Wir waren total geflasht von den Brettern die die Welt bedeuteten, die große, schöne und gut ausgeleuchtete Bühne war komplett mit Parkett verlegt. Was wir jedoch damals noch nicht wußten war, daß die ersten zwei Bands auf einem Festival immer die Arschkarte gezogen haben. Warum? Ein Teil der Besucher kommt später, die schon anwesenden sind noch nüchtern, halten maximalen Abstand zur Bühne und stellen nicht einmal ihr Bier zum klatschen ab. Wir hätten ebenso gut in einer leeren Halle spielen können, diese verdammte Ignoranz machte mich rasend. Wir rockten, sprangen, machten faxen, was weiß ich- keine Reaktion. Kurz vor Ende des letzten Songs war mir alles egal, in dem Wissen das ich schon eine neue Gitarre bestellt hatte schnallte ich meine alte, abgeranzte 100 DM-Gitarre ab, ließ meiner Wut freien Lauf und zerkloppte die Pfanne restlos zwischen den vorderen Monitorboxen auf der Bühne. Endlich, ja endlich ernteten wir Reaktionen vom Publikum, so eine Art mehrstimmiges, halbherziges Gröhlen und Johlen, während ich meine Trümmer einsammelte und die Bühne verließ. Ich war zufrieden mit mir, die Jungs anscheinend auch, der Hausmeister , der mich mit seinen Blicken töten wollte und Backstage auf lauerte, fand die ganze Aktion eher so Mittel. "Bist du eigentlich bescheuert? Du kannst mir doch keine Macken inne Bühne kloppen! Ich glaub es hackt!"und so weiter. Letzen Endes wurde unsere Gage einbehalten und ich durfte für die Reparatur der Bühne noch draufzahlen, mein Einwurf es habe sich um "künstlerische Freiheit" gehandelt blieb ungehört. War insgesamt wohl keine kluge Aktion- war trotzdem geil! "Ich dachte noch:"So ähnlich muss sich also Rock´n Roll anfühlen, Rebellion, Auflehnung gegen das Establishment, auf alle Regeln scheißen". Ja ja, Zerstörungswut getarnt als Kunst...moment...oder war das anders herum?

Wenn Sie in ihrer Stammkneipe eine lokale Band dengeln sehen, dann sehen sie vier oder fünf Gestalten die mal besser, mal schlechter Krach machen. Dann lehnen Sie vielleicht an der Theke, trinken Ihr Bier, drehen sich manchmal um und gelegentlich klatschen sie vielleicht sogar.
Was Sie nicht sehen sind die Monate der Bandgründung, Proberaum suchen, Kohle für Equipment sparen, komponieren, texten, immer wieder proben, Veranstalter nerven, telefonieren, Briefe und E-Mails schreiben um Konzerte zu bekommen, Plakate und Flyer entwerfen, drucken und unter die Leute bringen, noch mehr Proben, CD´s aufnehmen, pressen lassen und selbst vertreiben, T-Shirts entwerfen und noch mehr Proben. Sie sehen kein Equipment schleppen, Kilometer abreißen, aufbauen, Soundcheck, vor desinteressiertem Publikum spielen, wenig oder gar keine Gage bekommen, abbauen, mehr Kilometer abreißen, ausladen und dann wieder von vorn. Und immer darauf hoffen, das irgendwen da draußen interessiert was man da auf die Bühne bringt.
Die großen Stars und etablierten Künstler die sie kennen sind nur die Spitze des Eisbergs, da draußen gibt es tonnenweise Talent, dafür braucht kein DSDS oder "Voice of Germany"! Besuchen sie mal wieder ein kleines Konzert in ihrer Stadt und unterstützen sie ihre lokale Musikszene!

Und jetzt entschuldigen sie mich bitte, Backstage warten noch eine Line Koks und ein Blowjob auf mich, bevor mich mein Hotelzimmer zerlege!